Tobias Kurbjuweit im Porträt.
Frauen | 10. Juni 2026 um 14:00 Uhr

„Die Mädels sind einen großen Schritt weiter“

Schon jetzt stellt die dritte Spielzeit unserer 1. Frauen eine historische dar. Die erstmalige Meisterschaft in der Regionalliga Nordost ist unseren Blau-Weißen nicht mehr zu nehmen. Genauso wenig wie der Premierenauftritt im Olympiastadion. Oder die Torjägerkanone von Elfie Wellhausen. Nichtsdestotrotz können die Herthanerinnen die Saison 2025/26 in den anstehenden Aufstiegsspielen gegen den 1. FC Saarbrücken noch krönen. Chefcoach Tobias Kurbjuweit sprach im Interview mit Redakteur Erik Schmidt über Erfahrungen, Emotionen und Entwicklungen im Saisonverlauf.

Tobias, die Aufstiegsspiele rücken näher und näher. Wie häufig kreisen deine Gedanken in diesen Tagen um die anstehenden Aufgaben?
Tobias Kurbjuweit: Ich habe das Gefühl, dass das bei mir wahrscheinlich noch etwas weniger der Fall ist als bei den Mädels. Letztendlich mache ich das Ganze schon ein paar Jahre. Obwohl ich zugeben muss, dass es sich um zwei Partien handelt, die ich in dieser Form bislang auch nicht erlebt habe. Unterm Strich geht es dabei aber um Fußball – so wie in allen anderen Spielen auch.

Erinnerst du dich an vergleichbaren Aufeinandertreffen? Was kannst du den Mädels diesbezüglich aus der persönlichen Erfahrung mitgeben?
Kurbjuweit: In meinem allerersten Jahr bei Hertha, als ich Co-Trainer der U17 von Andreas Thom war, haben wir in der Saison 2012/13 erst den FC Schalke 04 mit Leroy Sané im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft bezwungen und dann das Endspiel gegen den VfB Stuttgart knapp verloren. Diese Herausforderungen lassen sich schon mit der jetzigen vergleichen. Obwohl ich damals eben nicht in der Hauptverantwortung stand. Als Aktiver bin ich zwei Mal auf- und zwei Mal abgestiegen – allerdings nicht in Relegationsspielen. Ich kann aber dadurch ein Gefühl davon vermitteln, wie sich das anfühlt. Aufsteigen ist natürlich deutlich schöner als absteigen. Das erklärt sich von alleine (lacht). Ansonsten kommt es darauf an, bei sich selbst zu bleiben – sich nicht zu viel ablenken zu lassen oder sich vielleicht einen Tick zu viel mit dem Gegner zu beschäftigen. Ich glaube, wenn man sich auf die eigenen Stärken besinnt, generiert man die größtmögliche Wahrscheinlichkeit, dass es positiv ausgeht.

Tobias Kurbjuweit gibt eine Anweisung von der Seitenlinie aus.

Welchen Emotionen ruft der Gedanke an die Partien gegen den 1. FC Saarbrücken in dir hervor?
Kurbjuweit: Im Moment bin ich noch ziemlich entspannt. Es ist aber ganz normal, dass die Anspannung steigt, je näher der Wettkampf rückt. Wir wollen uns natürlich bestmöglich präsentieren – für uns als Staff steht dabei im Fokus, den Mädels die beste Energie und Lösungen für gewisse Situationen mitzugeben. Irgendeine Seite wird am Ende traurig sein. Das geht den Männern in den Regionalligen genauso. Die Regelung können wir nicht ändern. Wir sind völlig verdient Meister geworden – unser Gegner aber auch. Deswegen freuen wir uns, dass wir uns nochmal mit dem Ersten einer anderen Staffel messen können und versuchen, die Partien als Bonusspiele zu betrachten. Wir hatten in dieser Saison schon ähnliche Begegnungen, wobei unsere Mannschaft tolle Leistungen gezeigt hat. Wenn die Mädels zwei Mal das auf den Platz bekommen, was sie sich in diesem Jahr erarbeitet haben, bin ich guter Dinge.

Du fungierst seit Saisonbeginn als Chefcoach unserer Mädels. Was zeichnet das Team aus?
Kurbjuweit: Unsere Mannschaft wächst jetzt seit drei Jahren bei Hertha BSC. Sie hat einen spannenden Altersdurchschnitt und sich im Saisonverlauf gut bis sehr gut entwickelt. Das gilt zum einen für die unterschiedlichen Einzelprofile, die uns obendrein nur schwer ausrechenbar machen. Zum anderen für die mannschaftliche Geschlossenheit auf und neben dem Platz sowie in Sachen Professionalisierung.

Tobias Kurbjuweit im Gespräch.

Das Team legte zuletzt eine fulminante Serie hin und gewann 15 Ligaspiele am Stück. Wo verzeichneten die Mädels jüngst die größten Schritte nach vorne?
Kurbjuweit: Ich würde sagen, dass es uns in der Hinrunde nicht immer gelungen ist, jedes Spiel als absolutes Highlight der Woche zu sehen. Also ein Highlight, das mehr darstellt als ein nettes Event, bei dem wir uns alle treffen und ein bisschen Fußball spielen. Es geht darum, sich so gut und so professionell wie möglich auf alle Begegnungen vorzubereiten. Am Spieltag selbst kommt es dann darauf an, dass alle – Team und Staff – alles dafür tun, damit die, die spielen, ihre bestmögliche Leistung abrufen können. Da haben sich die Mädels sehr verbessert und sich trotzdem ein Stück weit Lockerheit bewahrt, um frei agieren zu können. Das möchte ich auch genauso.

Zuletzt häuften sich die Highlights: Heimauftritt im Olympiastadion inklusive Meisterfeier, Kantersieg im Derby, Last-Minute-Erfolg zum Ligaabschluss sowie die Torjägerkanone für Elfie Wellhausen. Welche Bedeutung besitzen all diese Ereignisse für euch als Mannschaft?
Kurbjuweit: Wer einen Teamsport macht oder gemacht hat, weiß, dass Gewinnen das Schönste ist. Wir haben jetzt eine Reihe an Spielen in der unterschiedlichsten Art und Weise – was Gegner und Rahmenbedingungen anbelangt – gezogen. Ein hart errungener Sieg wie zuletzt gegen Jena sorgt für Selbstvertrauen und stützt das gesamte Konstrukt. Der Umgang mit gewissen Spielsituationen in der Praxis hilft den Mädels mehr als die reine Theorie. Die Erfahrungen, die die Mannschaft in den letzten drei Saisons gemacht hat, sind superwichtig. So konnte das Team diese zuletzt anwenden, mit einem gewissen Selbstverständnis auftreten und die entsprechenden Ergebnisse erzielen. Noch einmal zurück zu Jena: Ich war schon sauer, dass wir so schnell eine Zwei-Tore-Führung hergegeben haben. Aber die Mädels sind drangeblieben. Sie sind drangeblieben, weil sie von sich überzeugt sind und einfach das Spiel gewinnen wollten. Das zeigt mir, dass sie einen großen Schritt weiter sind als am Anfang der Saison. Als ganz besonderes Highlight ragt logischerweise der Auftritt im Olympiastadion heraus – jedoch für die gesamte Frauen- und Mädchenabteilung des Vereins. Das war nicht nur ein Spiel für uns, sondern auch für die Spielerinnen im Nachwuchs und alle Mitarbeitenden. Diese Begegnung hat gezeigt, was in diesem Club alles möglich ist.

Tobias Kurbjuweit spricht im Kreis zu seinem Team.

Lass uns einmal auf die Gegnerinnen aus dem Saarland blicken. Hinter ihnen liegt eine Saison mit beeindruckenden Zahlen in der Regionalliga Südwest. Was für ein Kontrahent erwartet uns?
Kurbjuweit: Sie haben einmal unentschieden gespielt – im letzten Oktober gegen Elversberg, ansonsten jedes Pflichtspiel gewonnen. Wir haben uns natürlich Informationen eingeholt und einmal habe ich mir die Mannschaft auch live angeschaut. Das ist gefühlt ein sehr stabiles Konstrukt, mit sehr unterschiedlichen Profilen und tollen Einzelspielerinnen. Nicht umsonst haben sie diese Statistik und diesen Saisonverlauf erzielen können. Sie wirken sowohl defensiv als auch offensiv sehr geschlossen.

Wie sieht nun die Vorbereitung auf die Begegnungen mit den Blau-Schwarzen aus? Was werdet ihr mit Blick auf dieses Auswärtsspiel anders machen als im normalen Ligaalltag?
Kurbjuweit: Die Unterschiede sind gering. Wir haben letzte Woche ein internes Testspiel absolviert, um im Spielrhythmus zu bleiben. Diese Woche sind wir ähnlich wie vor Punktspielen angegangen. Vielleicht bauen wir auch noch etwas Gegnerspezifisches ein. Prinzipiell versuchen wir, für das Spiel noch einmal die Sachen abrufbar zu machen, die uns stark machen. Als Bonus kommt aufgrund der geografischen Distanz hinzu, dass wir einen Tag früher als gewöhnlich anreisen. Der Verein hat alles dafür getan, um die Zeit etwas zu verkürzen, so dass wir nicht neun Stunden im Bus sitzen werden. Wir dürfen uns in Saarbrücken auch ein bisschen auflockern und trainieren, damit wir am Samstag richtig Gas geben können. Das alles hatte die Mannschaft in der Form natürlich noch nicht. Die Abläufe vor dem Spiel werden demzufolge etwas anders als sonst sein. Ich hoffe, dass das nicht zu viel mit ihnen macht. Das ist aber ja schließlich etwas Schönes und Positives, was man gemeinsam erreicht hat und nun genießen kann.

Abschließend: Das Rückspiel findet dann zu Hause statt. Wie groß ist die Vorfreude auf die eigenen Fans im Rücken?
Kurbjuweit: Es können leider nicht ganz so viele Leute kommen wie ins Olympiastadion (schmunzelt). Aber wir hoffen natürlich darauf, dass es voll wird. Darüber würden wir uns sehr freuen! Die Mädels haben es verdient, für ihre Leistung in der gesamten Saison maximale Anerkennung und Unterstützung zu erhalten.

von Erik Schmidt