Grafik zu 50 Jahren Hertha und der KSC.
Fans | 14. August 2026 um 00:01 Uhr

Geburtsstunde(n) einer einzigartigen Freundschaft

Dieser Text erschien erstmals im März 2025 in unserem zum damaligen Heimspiel gegen den KSC veröffentlichten Stadionmagazin ‚Blau auf Weiß‘.

Die schönsten Geschichten im Leben entstehen manchmal durch ausgestreckte Hände. Als die Berliner Hertha-Frösche am 14. August 1976 zum ersten Saisonspiel unserer Alten Dame beim Karlsruher SC aufbrachen, ahnten sie noch nicht, wie sehr dieser Tag die Fanszenen der beiden Traditionsclubs verändern sollte. „Wir hatten keine Erwartungen, sondern wollten einfach eine gute Zeit haben und ein gutes Spiel sehen“, erinnert sich Helmut Friberg, der unsere Blau-Weißen damals vor Ort unterstützte. „Am Bahnhof standen dann Fans aus Karlsruhe, mit denen wir ins Gespräch kamen.“

Karl Glück und Jürgen Ruthardt vorm Karlsruher Wildpark.

Zusammen ins Stammlokal

Auch der langjährige KSC-Fan Jürgen Ruthardt war mit seinem guten Freund Karl Glück damals dabei. Die beiden Gründer des Fanclubs Blau-Weiss ’75 hatten sich zum Ziel gesetzt, als Fans insgesamt friedlicher miteinander umzugehen – und wollten die Berliner gemeinsam mit anderen Fanclubmitgliedern nach deren langer Anreise im Interzonenzug begrüßen. „Es war direkt ein freundlicher Kontakt da, sodass wir zusammen in unser Stammlokal losgelaufen sind: Die Krone! Die war unser Treffpunkt vor dem Spiel, dort lagen unsere Fahnen und unsere ganze Ausrüstung. So saßen wir dann da, haben ein paar Bier getrunken und sind irgendwann zusammen los in Richtung Stadion“, berichtet der Badener. Gemeinsam erlebten beide Fangruppen einen wunderschönen Sommertag. „Wir haben uns super verstanden und hatten Spaß ohne Ende“, unterstreicht auch Friberg.

Im altehrwürdigen Wildpark gingen die Verbrüderungen weiter. Fans beider Clubs sahen sich jeweils den Sektor der anderen Blau-Weißen an, ehe zum Anpfiff beide Seiten wieder in den eigenen Block gingen. Auf dem Rasen gewannen unsere Berliner mit 3:0 und eroberten die Tabellenspitze der Bundesliga. „Die Freude war bei uns allen groß, aber wir haben uns dann schon gefragt, wie es jetzt mit den Karlsruhern werden würde“, erinnert sich der Herthaner. Doch die Sorgen waren unbegründet, die neuen Freunde nahmen die Niederlage sportlich. „Statt Stress gab es am Ausgang des Stadions direkt wieder gemeinsame kühle Getränke, ehe wir zusammen zum Bahnhof gefahren sind.“ Es gab nur ein Problem: „Wir mussten los und unseren Interzonenzug bekommen, denn das war der einzige an diesem Tag. Zuvor haben uns die KSC-Fans herzlich verabschiedet und wir haben Adressen ausgetauscht, um Kontakt zu halten“, erzählt Friberg. Und auch diejenigen, die es nicht in die Fächerstadt geschafft hatten, weihte die Berliner Reisegruppe in ihre Erlebnisse ein. „Bei uns hat sich schnell rumgesprochen, wie geil der Empfang in Karlsruhe gewesen war“, bestätigt Manne Sangel, ein weiteres Urgestein der Hertha-Fanszene.

Fotosammlung von Herthanern und Karlsruhern.

Doch den Kontakt zu halten und sich regelmäßig zu treffen, war 1976 keinesfalls so einfach wie in der Gegenwart. „Es hatte noch nicht jeder ein Telefon und wir konnten uns eher nur alle paar Monate sehen. Das klappt bei den jüngeren Generationen natürlich regelmäßiger“, schmunzelt Friberg. Zumal die Treffen oft auch spontan und weniger geplant erfolgten. „Es gab keine Handys und keine Kommunikation vorher. Du bist einfach losgefahren und hast geguckt, wer dann dort steht“, verdeutlicht Sangel. Neben der Mauer sowie langsameren und unregelmäßigeren Zugverbindungen erschwerte darüber hinaus auch die sportliche Situation Treffen in den folgenden Jahren. Während unsere Elf von der Spree in den achtziger Jahren in der zweiten und dritten Liga spielte, konnten sich die Karlsruher weitestgehend im Oberhaus halten. Die Blau-Weißen nutzten dennoch die sich bietenden Gelegenheiten, um den befreundeten Club zu unterstützen. „Wenn wir in der Nähe von Karlsruhe gespielt haben, kamen sie zu uns oder wir haben uns gesehen, wenn der KSC gegen andere Berliner Vereine gespielt hat“, unterstreicht Friberg. Und dann gab es ja doch das eine oder andere Aufeinandertreffen, bei denen unvergessliche Momente entstanden. 

Die Herthaner Helmut Friberg und Pepe Mager bei ihrer Ehrenrunde im Wildpark.

Eine Berliner Ehrenrunde im Wildpark 

So auch am 25. September 1982. Unser Hauptstadtclub war wieder aufgestiegen – und Friberg schmiedete mit dem ehemaligen ‚Oberfrosch‘ Pepe Mager, einem weiteren langjährigen Blau-Weißen, einen besonderen Plan. „Pepe und ich haben gesagt: Zum ersten Auswärtsspiel der Saison fahren wir mit dem Fahrrad!“ Logischerweise war dies aufgrund der damaligen deutschen Teilung erst ab der BRD-Grenze möglich, zudem erschwerte der Spielplan das ursprüngliche Vorhaben. Doch der 7. Spieltag bot mit der Auswärtsaufgabe in der Fächerstadt den perfekten Anlass, auf den die beiden gewartet hatten. „Nach einem Samstagsspiel gegen Düsseldorf sind wir am Abend mit der Bahn bis Bebra gefahren. Von dort ging es dann los in Richtung Karlsruhe, wo wir am Freitag ankamen und unsere Freunde getroffen haben“, erinnert sich Friberg. Doch der Höhepunkt des Ausflugs lag noch vor den Herthanern. „Am nächsten Tag ging es in Richtung Stadion und wir durften dort unter Applaus eine Ehrenrunde im Innenraum drehen. Das war schon bewegend“, sagt der Blau-Weiße. 

„Wie ein Klassentreffen“ 

In den folgenden Jahren trafen beide Seiten in weiteren Pflichtspielen aufeinander. Speziell nach dem Wiederaufstieg unserer Herthaner im Jahr 1997 nahm die alte Fanfreundschaft wieder mächtig Fahrt auf und erstreckt sich inzwischen weit über den harten Kern der Kurven hinaus. „Wenn wir uns sehen, ist das wie ein Klassentreffen. Ob jemand Hertha- oder KSC-Sachen trägt, ist völlig egal, alle verstehen sich und halten zusammen. Diese Freundschaft ist eine der ältesten in Europa und wird so extrem und innig gepflegt, das gibt es aus meiner Sicht kein zweites Mal“, bekräftigt Friberg die enorme Verbundenheit, die eben nicht bei den beteiligten Pionieren von 1976 endete. „Ich finde es großartig, wie das über Generationen hinweg gepflegt und gelebt wird.“ 

Hertha-Fans zelebrieren die Freundschaft zum KSC.

So auch in den jüngsten Begegnungen. Gerade das erste Wiedersehen in der Hauptstadt ist unseren Freunden aus dem Süden in Erinnerung geblieben. In Anlehnung an die alte Gegengerade im Wildpark durfte sich der KSC-Anhang auf der Gegentribüne des Olympiastadions positionieren und zelebrierte gemeinsam mit den Herthanerinnen und Herthanern einen außergewöhnlichen Fußballabend. „Der Fanmarsch, die besonderen Plätze im Olympiastadion – das war genial. Ich musste nach dem Schlusspfiff so lachen, als die Hertha-Spieler ihre Runde gegangen sind, von den Karlsruher Fans bejubelt wurden und ganz ungläubig zu uns geschaut haben. Damit hatten sie nicht alle gerechnet, glaube ich“, berichtet KSC-Fan Jürgen. Auch bei Manne haben sich diese Momente eingebrannt. „Der gemeinsame Fanmarsch zum Olympiastadion war absolut beeindruckend. Sowas, oder auch die gemeinsamen Choreografien bei den letzten Spielen in Karlsruhe mitzuerleben – das ist auch für mich als „Alter“ ganz besonders“, sagt der Herthaner. 

Gemeinsame Choreographie von Hertha- und KSC-Fans im Wildpark.

Ein besonderes Bündnis 

Auch wegen solcher gemeinsamer Erlebnisse zeigt sich Sangel „wahnsinnig stolz auf beide Seiten, wie sie das mit Leben füllen. Da kann, alleine schon wegen der Entfernung, keine andere Freundschaft in Deutschland mithalten. Sie findet auf allen Ebenen statt. Und dieses Miteinander macht es aus. Inzwischen pflegen ja auch die Vereine einen engen Umgang, das hat nicht zuletzt durch Kay Bernstein noch einmal einen Schub bekommen.“ Und begonnen hat all das einst, weil sich Karlsruher und Berliner entgegen der damaligen Gepflogenheiten offen begegneten – weil Helmut und die anderen Herthaner die ausgestreckten Karlsruher Hände schüttelten. „Karl und ich haben immer wieder darüber geredet – und wir denken bis heute gerne daran zurück“, sagt Jürgen Ruthardt mit einem Lächeln. Was macht dieses Bündnis aus seiner Sicht so besonders? „Dass auf beiden Seiten von Anfang an so eine große Sympathie vorhanden war. Die gemeinsamen Spiele, von dem rund um die Fahrradtour bis hin zu den letzten Aufeinandertreffen. Ich finde es gut, dass die Karlsruher Fanszene diese Verbindung nie vergessen hat. Andere haben den Ball aufgenommen und es fortgeführt. Es passt einfach!“

von Konstantin Keller