Sebastian Grønning.
Profis | 19. August 2026 um 17:00 Uhr

„Das ist ein ganz anderes Gefühl“

In Bochum der gefühlvolle Lupfer zum Tor des Abends, gegen Heidenheim der stramme Flugkopfball zur frühen Führung: Sebastian Grønning ist nicht nur mit zwei wichtigen, sondern auch mit zwei sehr sehenswerten Treffern in die neue Saison gestartet. „Beide Tore haben mir gefallen – aber noch mehr, dass wir jeweils auch gewonnen haben. Das Gefühl ist dann ein ganz anderes“, erklärt unser dänischer Mittelstürmer im Gespräch mit Redakteur Erik Schmidt. „Wenn ich mich aber entscheiden müsste, dann fand ich den Lupfer besser. Weil es das noch anspruchsvollere Tor war und mir mit meinem schwächeren Fuß geglückt ist“, fügt unsere Nummer 17 grinsend hinzu. Im Interview spricht der 29-Jährige außerdem über sein Familienglück, die zurückliegende Vorbereitung und eine denkwürdige Partie in Saarbrücken.

Seba, du bist Vater eines gerade einmal drei Monate alten Sohnes – wie kurz sind aktuell die Nächte?
Grønning: Unterschiedlich. Wir gehen meist schon gegen 21 Uhr zu Bett. Gestern Abend bin ich beispielsweise auch sofort eingeschlafen, weil ich unfassbar müde war. Unser Sohn liegt meist abwechselnd auf meiner Freundin oder mir. Natürlich erwacht er zwischendrin manchmal und weint. Morgens stehe ich dann meist gegen 6 Uhr mit ihm auf, um gemeinsam zu spielen. Bevor ich zum Training fahre, legen wir ihn dann wieder hin. Das habe ich nach der Einheit eben übrigens auch kurz gemacht: Mich hingelegt und geruht (grinst).

Sebastian Grønning beim Interview.

Du bist bekanntermaßen ein großer Kaffeeliebhaber. Was hilft denn besser gegen Schlafentzug: Espresso oder Tore?
Grønning: Das Problem ist, dass ich aktuell sehr wenig Kaffee für meine Verhältnisse trinke (lacht). Ich habe einfach nicht die Zeit dafür, außerdem macht die Maschine zu viel Lärm. Grundsätzlich bringt Kaffee da aber eindeutig mehr. Tore führen eher dazu, dass ich weniger schlafe, weil ich zu viel über sie nachdenke.

Lass uns noch kurz beim Thema bleiben: Kommt es vor, dass du von Fußball träumst?
Grønning: Ich habe kürzlich erst mit meiner Freundin über Träume gesprochen, weil sie sehr viel träumt. Aber ich selbst träume in letzter Zeit nicht besonders oft – und schon gar nicht von Fußball. Stattdessen habe ich vor einem Spiel hin und wieder Illusionen in meinem Kopf. In Bochum, wo wir erst abends gespielt haben, war es so. Da zog sich der Nachmittag in die Länge, weshalb ich die Augen etwas zugemacht und mir ein paar mögliche Spielsituationen vorgestellt habe.

Apropos traumhaft: Wie ordnest du den Saisonstart ein? Was sind die Gründe für euren starken Auftakt?
Grønning: Ich bin natürlich zufrieden und froh – sowohl mit Blick auf die Mannschaft als auch auf mich persönlich. Wenn du selbst ein Tor schießt und das Team gewinnt, geht es nicht besser. Das ist ein ganz anderes Gefühl, als zu treffen, aber gleichzeitig zu verlieren. So wie ich es in der vergangenen Saison zum Start erlebt habe. Ich freue mich sehr, dass dieses Mal eine Kombination aus beidem gelungen ist. Jeder gibt gerade alles, arbeitet hart und ist in einer ordentlichen Verfassung. Wir haben als Mannschaft eine gute Harmonie und Gemeinschaft. Und wir haben auch schon zwei Spiele gewonnen, was sehr hilft und uns einen kleinen Boost beschert. Frühe Führungen wie zuletzt machen obendrein alles ein bisschen einfacher. Es wird dann schwierig gegen uns zu spielen und ein Tor zu schießen. Und das, obwohl ein großer Umbruch hinter uns liegt. Aber die vielen jungen Spieler haben uns eine neue Energie verliehen. Manche Spieler sind dadurch nun auch etwas mehr gefordert, müssen etwas mehr Verantwortung tragen. Manchmal ist der Zusammenhalt der Truppe wichtiger als die individuelle Qualität der Einzelnen. Es kommt nun darauf an, nicht nachzulassen, um das Momentum beizubehalten.

Sebastian Grønning jubelt vor der Ostkurve.

Auch für dich persönlich läuft es rund. Welche Maßnahmen hast du im Sommer ergriffen, um die recht enttäuschende Rückrunde hinter dir zu lassen?
Grønning: Für mich war die Rückrunde keine einfache Zeit. Aber ich habe mir gesagt: Ich gehe in den Urlaub, resette erst einmal komplett und bereite mich dann körperlich bestmöglich auf die neuen Aufgaben vor. Dabei hat mir geholfen, dass direkt nach dem letzten Spiel mein Sohn zur Welt gekommen ist. Das hat natürlich alles verändert. Wir lagen die ersten zwei, drei Wochen hier zu Hause in Berlin nur zu dritt im Bett – das war wirklich sehr schön (strahlt)! Währenddessen habe ich mich logischerweise nicht so viel mit Fußball beschäftigt. Eine weitere Woche haben wir dann noch in Marbella verbracht. Das hat super geklappt. Mir war dann klar, dass zu Beginn der Vorbereitung jeder seine Chance bekommen würde. Die wollte ich nutzen, das war meine Motivation. Wir haben zudem unsere Spielweise als Team etwas verändert, was vielleicht besser zu mir passt. Ich habe mich in den Testspielen top gefühlt, gute Leistungen gebracht und auch meine Tore geschossen. Das war der Unterschied! Das Selbstbewusstsein wächst dann natürlich. Außerdem bin ich sehr froh, dass ich das Vertrauen vom Trainer bekomme.

Welche Schlüsse konntest du aus der zurückliegenden Spielzeit ziehen?
Grønning: Dass man frustriert ist, wenn es nicht gut läuft, liegt in der Natur des Menschen. Deswegen stellen schlechte Phasen eine gute Probe dar. Ich habe in meiner Karriere und speziell in der vergangenen Saison viel über meine Motivation gelernt und auch, mit dem Kopf zu arbeiten. Das kommt mit der Erfahrung. Phasen wie die aktuelle weiß ich jetzt viel mehr zu schätzen und zu genießen. Nichtsdestotrotz versuche ich mental stabil zu bleiben, eine gewisse Mitte zu halten und genauso weiterzumachen. Als ich jünger war, ist mir das nicht immer gelungen. Der Hunger muss zu jeder Zeit da sein.

Sebastian Grønning sitzt vor einer Partnerbande.

In die laufende Saison bist du mit zwei Toren aus den ersten beiden Spielen und einem neuen Ritual gestartet: Du hast verraten, dass du vor dem Anstoß ein Foto von deiner Freundin sowie deinem Sohn anschaust. Wie viel Kraft gibt dir dein Familienglück?
Grønning: Es ist natürlich auch durchaus anstrengend zu Hause mit dem Kleinen und nicht alles wie im Bilderbuch. Aber die Energie, die er mir gibt und das Gefühl, das er mir vermittelt, ist etwas Besonderes. Als ich in Bochum zum ersten Mal vor einem Spiel auf dieses Bild geschaut habe, habe ich keinen Druck oder so etwas verspürt – ich hatte einfach ein Lächeln im Gesicht und konnte den Moment für mich genießen. Gegen Heidenheim hat es dann direkt wieder zum Erfolg geführt.  

Du lebst zusammen mit deiner Freundin inzwischen seit über einem Jahr in Berlin. Wie wohl fühlt ihr euch?
Grønning: Meine Freundin kommt ursprünglich aus Berlin, sie kennt die Stadt in- und auswendig. Das macht es einfacher. Ich fühle mich wohl und mag die Größe der Stadt, obwohl ich selbst aus einer kleineren Stadt komme. Es gibt gute Cafés, gute Restaurants – alles, was ich brauche. Berlin bietet unfassbar viele Möglichkeiten. Für meine Familie ist es aus Dänemark auch kein weiter Weg. Mein Vater ist Rentner, er kann vorbeikommen, wann er will. Er war gerade auch zu Besuch und gegen Heidenheim im Stadion. Früher hat er mich trainiert und gepusht. Deswegen hat er auch seinen Teil dazu beigetragen, dass ich jetzt für einen Verein wie Hertha auflaufen darf. Es bereitet ihm eine große Freude, mich in einem so riesigen Stadion spielen zu sehen. Er war mit meinem Auftritt auch recht zufrieden (grinst).

Sebastian Grønning sitzt beim Interview im Scheinwerferlicht.

Am Samstag (22.08.26, 15:30 Uhr) seid ihr im Saarbrücker Ludwigsparkstadion gefordert. Kannst du dich an deinen letzten Auftritt dort erinnern?
Grønning: Ja. Ich glaube, dass ich da bislang nur ein einziges Mal mit Ingolstadt gespielt habe. Es war ein heißer Tag im August. Nach fünf Minuten habe ich in diesem Spiel einen Elfmeter verursacht. Aber unser Torwart hat ihn zum Glück gehalten. Kurz danach habe ich dann selbst ein Tor geschossen und ein weiteres vorbereitet. Das ist alles in der Anfangsphase passiert. Am Ende haben wir mit 3:2 gewonnen. Ich mochte das Stadion. Es ist ein cooler Verein, der ebenfalls gut in die laufende Saison gestartet ist und gegen den es schwierig wird. Bei Saarbrücken spielt mit Mladen Cvjetinović zudem ein sehr guter Freund von mir in der Innenverteidigung. Er hat hier im Nachwuchs gespielt und ist im Herzen nach wie vor Herthaner. Wir haben uns in Ingolstadt kennengelernt, stehen immer noch in Kontakt und freuen uns jetzt schon auf das Duell gegeneinander (grinst).

Ihr gastiert nun im Rahmen des DFB-Pokals dort. Vergangene Saison hast du im Kampf um die goldene Trophäe in Münster und gegen Elversberg zwei wichtige Tore geschossen. Welche Magie erzeugt der Wettbewerb für dich?
Grønning: Es muss in diesen Spielen einen Sieger geben – das macht den Reiz aus. Und je weiter du kommst, desto größer wird dann auch die Magie. Deswegen freue ich mich sehr auf die Partie. Auch, wenn ich gerne den Lauf in der Liga weitergeführt hätte. Aber so wollen wir natürlich den Flow im Pokal fortsetzen und in die nächste Runde kommen.

Die Saison steht gerade erst am Anfang: Welche Ziele hast du für die kommenden Wochen und Monate ins Visier genommen?
Grønning: Ich will nicht so hochfliegen und denken, dass alles super ist. Wir haben zwei Spiele gewonnen und ich habe zwei Tore gemacht. Aber das kann sich auch alles ganz schnell wieder verändern. Deswegen habe ich keine konkreten persönlichen Ziele, sondern will einfach fit- und dranbleiben. Dann habe ich auch das Vertrauen in mich selbst, dass ich persönlich meine Leistung bringen kann und wir als Mannschaft erfolgreich sein können.

von Erik Schmidt