
„Das ist als Mitspieler doch geil”
312 von 360 möglichen Spielminuten bestritten Paul Seguin und Kevin Sessa bislang Seite an Seite. Mit dem Duo im Zentrum konnten unsere Herthaner alle vier bisherigen Ligapartien gewinnen – und brachten den Erfolg gegen Magdeburg auch dann ins Ziel, als Seguins Arbeitstag nach 62 Minuten durch eine gelb-rote Karte vorzeitig endete. Trotz dessen Sperre im kommenden Spiel in Osnabrück (13.09.26, 13:30 Uhr) wird das Gespann im weiteren Saisonverlauf eine Säule bleiben, auf die sich sowohl Chefcoach Stefan Leitl als auch die Mitspieler verlassen können – mit Klasse und Kommunikation, mit Ehrgeiz und Einsatz. Unsere Redakteure Erik Schmidt und Konstantin Keller haben die beiden Mittelfeldmänner zum Gespräch über ihr bisheriges Zusammenspiel, besonderen Torjubel, Spitznamen und mögliche Schlüssel für weitere Erfolge als Team getroffen.
Sess, Segu, danke, dass ihr euch die Zeit nehmt! Ihr habt in dieser Saison stets Seite an Seite agiert, standet in allen bisherigen Pflichtspielen in der Startelf und müsst jetzt nur aufgrund von Segus Sperre in Osnabrück einmal auf euer Zusammenspiel verzichten. Was macht das bisher so erfolgreich?
Sessa: Die Mischung passt einfach gut! Segu macht viel im Spielaufbau, hat dort seine Stärken. Ich bin jemand, der gerne und viel hin- und herrennt und Spaß daran hat, den Ball zu erobern.

Welchen Anteil hat dabei die veränderte fußballerische Herangehensweise, die ihr euch in der Sommervorbereitung erarbeitet habt?
Seguin: Wir spielen einen wesentlich aktiveren Fußball, was ein Prozess war, der bereits in der Vorbereitung begonnen hat. Natürlich waren zunächst bei einigen von uns auch Fragezeichen im Kopf: Wird es so funktionieren, wie wir uns das alle vorstellen? Wenn man dann mit solchen Erfolgserlebnissen startet, macht das natürlich vieles einfacher. Aber: Das haben wir uns auch hart erarbeitet! Alle sind in der Vorbereitung fitgeblieben, das trägt jetzt Früchte, diese Verfügbarkeit ist so wichtig. Manchmal muss ich Sess zum Beispiel auch bremsen, weil er zu viel möchte…
Sessa: … ich sage ihm auch oft: „Bitte warne mich, wenn ich zu viel mache“ – damit am Wochenende auch noch Kraft vorhanden ist (schmunzelt).
Wann haben sich diese angesprochenen Fragezeichen denn aufgelöst? In den ersten Spielen? Bereits in der Vorbereitung und den Tests?
Seguin: In den Tests hat es definitiv schon angefangen – man spürt, das Dinge funktionieren. Aber Tests sind etwas anderes als der Ligabetrieb, in dem der Druck eine viel größere Rolle spielt. Aber das hohe Pressing funktioniert, wir haben klare Spielprinzipien, die uns das Trainerteam gut erklärt. Sie stellen uns das Spiel zurecht – und wir müssen folgen. Alle machen dabei mit und wir verteidigen auch im Verbund.
Könnt ihr beschreiben, wie ihr vom neuen Spielstil profitiert? Was zeichnet die Idee aus?
Sessa: Es gibt einen ganz klaren Plan: Vollgasfußball. Das war bisher relativ erfolgreich, und so wollen wir weitermachen. Alle ziehen voll mit, und das fühlt sich gerade einfach gut an.
Segu, du hast in Saarbrücken dein zweites Tor für Hertha erzielt, wieder ein ordentlicher Strahl. Wann zieht Sess mit einem Pflichtspieltreffer für unseren Hauptstadtclub nach?
Seguin: (zu Sessa) Du hast noch kein Tor für uns gemacht? Du hast den besseren Schuss als ich (beide lachen)! Er wird diese Saison noch seine Treffer erzielen, da bin ich mir ganz sicher. Ich sage aber auch immer zu ihm: Wir sind für die Defensive zuständig, haben vier Spieler vorne, das sollte reichen. Unsere Aufgabe ist es in erster Linie, uns gut um die Restverteidigung zu kümmern. Sicherlich werden wir unsere Szenen bekommen, aber die Absicherung der Konter hat Priorität. Und das kriegen wir sehr gut hin.

Sess, hast du vielleicht auch einfach ein wenig Angst vor dem seguinschen Jubelschlag in den Nacken?
Sessa: (Seguin lacht) Nein, nein… wenn das Tor kommt, und es kommt zu hundert Prozent, dann habe ich da ein Auge drauf (schmunzelt).
Wo wir gerade bei dem Thema sind – Segu, woher kommt dieser Jubel?
Seguin: Das war schon immer so, egal wo ich gespielt habe.
Sessa: Es sind einfach Emotionen, die rauskommen.
Seguin: Es gibt Mitspieler, die es cool finden, es gibt Leute, die es nervt – das verstehe ich auch. Ich habe aber auch kein Problem damit, wenn ich ein Tor schieße und mir einer eine knallt. Es kommt bei mir einfach aus der puren Freude heraus.
Sessa: Aber das ist als Mitspieler doch geil, wenn einer deine Aktion so feiert! Das pusht einen und mich freut es, wenn jemand so mitgeht.
Sess, deine Rolle ist in dieser Saison defensiver geworden – wie hat sich dein eigenes Spiel dadurch verändert? Wie fühlt sich die Rolle an?
Sessa: Ich bin in den vergangenen Jahren ja schon öfter auf der Sechs reingekommen, ganz neu ist das Ganze deshalb nicht. Einfach ein wenig defensiver – aber da ich Zweikämpfe gerne bestreite, fühlt es sich gut an.
Segu, du selbst hast auch gesagt, zukünftig öfter in Abschlussszenen kommen zu wollen, auch der Trainer möchte das von dir sehen. Was kannst du tun, um das zu erreichen?
Seguin: Das ist ein Klassiker, mein Vater sagt mir auch immer, dass ich öfter mal schießen soll (grinst). Wenn ich in diese Situationen komme, dann mache ich das auch, aber wenn man unser Spiel betrachtet, habe ich eben viel mit der Restverteidigung zu tun. Ich weiß, dass ich einen guten Schuss habe und auch öfter abschließen muss.
Stabilität im Mittelfeldzentrum entscheidet Spiele. Was zeichnet ein gutes Duo dort aus eurer Sicht aus?
Sessa: Kommunikation! Nicht nur von uns, sondern von denen hinter uns. Segu hat meinen Offensivdrang schon angesprochen, dann brauche ich jemanden hinter mir, der einen anderen Blick hat und mit mir kommuniziert.
Seguin: In dem Bereich haben wir als Mannschaft auch einen Schritt nach vorne gemacht. Sehr hoch, mannorientiert und risikobehaftet zu spielen macht eine gute Kommunikation von hinten nach vorne noch einmal wichtiger. Die Innenverteidiger müssen Sess und mich coachen, weil wir nicht sehen können, was hinter uns passiert – das klappt gut und so müssen wir weitermachen.
Seit zwei Jahren spielt ihr in einem Team – vorher seid ihr euch drei Mal als Kontrahenten begegnet. 2020/21 habt ihr mit Fürth und Heidenheim jeweils das Auswärtsspiel knapp gewonnen, 2022 gab es dann nochmal ein Duell im Pokal. Wie sind eure Erinnerungen an die Spiele?
Sessa: Die sind natürlich schon eine Weile her. Aber ich habe ihm erst neulich gesagt, dass er mich immer sehr genervt hat (lacht). Es war einfach eklig gegen ihn im Zentrum.
Seguin: Ich habe mich auch nicht über ihn als Gegenspieler gefreut. Aufgrund seines Temperaments und seiner Aggressivität war es genauso eklig, ihn im Rücken zu haben. Er war immer da, war immer gallig. Deswegen kann ich mich daran auch noch sehr gut erinnern.
Sessa: Dankeschön (grinst)!
Jetzt seid ihr Teamkollegen. Was schätzt ihr am anderen am meisten?
Sessa: Die Kommunikation, aber auch die Emotionen – auf dem Platz, ob im Spiel oder im Training.
Seguin: Vieles. Wir verstehen uns zum einen gut. Zum anderen bringt Sess jeden Tag eine gewisse Energie rein. Das erwarte ich natürlich von ihm genauso wie von anderen Mitspielern. Wir wollen nicht lockerlassen, immer weitermachen und gleichzeitig kommt es aber auch darauf an, auf dem Boden zu bleiben.

Zu schätzen weiß man als Profi sicherlich auch mannschaftsinternen Zusammenhalt. Wie erlebt ihr den Arbeitsalltag mit den anderen Jungs?
Sessa: Die erfolgreichen Auftritte fördern natürlich die Stimmung. Aber wir als Mannschaft wissen auch, dass es jede Woche wieder bei null losgeht. Deswegen erinnern wir uns jeden Tag daran, dass wir Vollgas geben müssen. Wenn nur einer zu wenig macht, reicht es nicht. Deshalb muss jeder jeden pushen. Das gelingt uns bislang ganz ordentlich, denke ich.
Ihr zählt zu den erfahreneren Akteuren im Kader. Werte wie Ehrgeiz und Bodenständigkeit sind euch spürbar wichtig. Wie oft müsst ihr dazu Impulse in die Mannschaft geben?
Seguin: Der Trainer lebt das vor! Wir dürfen alle miteinander Späße machen – das ist alles fein. Aber wenn Training ist, dann ist Training! Dann wird gearbeitet. Ich finde, dass wir in dieser Hinsicht einen großen Schritt gemacht haben. Das gilt aber auch für jeden Einzelnen. Ich habe mit vielen darüber gesprochen und das auch eingefordert. Wir sind auf einem guten Weg, wie ich finde. Jede Trainingseinheit ist wichtig. Denn wir schaffen dabei jede Woche die Basis, um am Wochenende gut funktionieren zu können. Da kann es kein Larifari geben.
Sess, du hast euch in einer Instagram-Caption als ‚Dick und Doof‘ bezeichnet – ein Spitzname mit Zukunft?
Sessa: Ihr dürft rätseln, wer Dick und wer Doof ist (lacht). Das war einfach ein kleiner Spaß, nicht zwingend ein Spitzname mit Zukunft. Der Rest bleibt unter uns.
Welchen Spitznamen würdet ihr euch stattdessen wünschen?
Seguin: Mit Blick auf ihn könnte es auf jeden Fall etwas mit Pitbull sein.
Sessa: Ich habe sehr viele Spitznamen in der Mannschaft. Zum Beispiel werde ich auch oft Wildschwein von den anderen genannt, weil ich auf dem Platz so gerne in die Zweikämpfe gehe (grinst).
Der Saisonstart ist fantastisch gelaufen. Was wird aus eurer Sicht entscheidend sein, um auch in den kommenden Wochen solche Momente zu schaffen und mit den Fans feiern zu können?
Seguin: Bescheidenheit und Bodenständigkeit. Wir dürfen auf keinen Fall denken, dass wir die Größten seien, völlig egal, wer auf dem Platz steht. Mit Beginn einer neuen Woche liegt auch wieder eine neue Aufgabe vor uns. Das muss rein in die Köpfe, damit diese Ernsthaftigkeit stets gegeben ist. Wenn wir das hinbekommen, werden wir in dieser Saison viel Spaß haben.
Sessa: Es geht einfach darum, jeden Tag einhundert Prozent zu geben – ob beim Aufwärmen, im Kraftraum, im Training oder im Spiel. Immer einhundert Prozent! Dann stehen die Chancen gut, dass wir so weitermachen wie bisher.
Es gab in einem langen Sommer eine Menge Schlagzeilen über Hertha. Welche würdet ihr gerne im kommenden Jahr Ende Mai über unsere Alte Dame lesen?
Seguin: Jetzt müssen wir aufpassen, was wir sagen (grinst). Natürlich will jeder von uns so erfolgreich wie möglich sein. Der Verein hat das Saisonziel erklärt und wir wollen das Maximum erreichen. Das bedeutet: Jede Woche Vollgas geben und von Spiel zu Spiel denken. Deswegen möchte ich, dass im Mai etwas Positives in der Zeitung steht. Es soll zu lesen sein, dass sich Hertha entwickelt, dass hier etwas passiert und etwas entsteht. Das würde ich mir wünschen.
Sessa: Das hat er schon gut auf den Punkt gebracht. Es soll etwas Positives sein. Ansonsten ergibt es aktuell nur wenig Sinn, soweit in die Zukunft zu schauen. Denn wir sind noch ganz am Anfang der Saison.