
Zweite Chance genutzt!
Mieke Schiemanns blau-weiße Geschichte nahm vor exakt einem Jahr ihren Lauf. Anfang September 2025 schloss sich die Innenverteidigerin unserem Hauptstadtclub an. Die gebürtige Berlinerin wollte in ihrer Heimat den Spaß am Fußball zurückerlangen. Der Start gestaltete sich allerdings alles andere als einfach. Zum einen lag die Saisonvorbereitung zu diesem Zeitpunkt bereits hinter dem restlichen Team. Zum anderen kam die Defensivspezialistin selbst aus einer langen Verletzungspause. Doch zwölf Monate später ist die Nummer 4 nichtsdestotrotz Leistungsträgerin unserer 1. Frauen. Redakteur Erik Schmidt sprach mit der Herthanerin über ihren persönlichen Weg.

Ab über den großen Teich in ein neues Leben
Dieser hielt schon in jungen Jahren zahlreiche Höhepunkte für Schiemann bereit: Debüt für die Zweitvertretung des 1. FFC Turbine Potsdam in der 2. Bundesliga mit 16 Jahren, U17-Europameistertitel im DFB-Trikot mit 17 Jahren und Umzug in die USA mit 19 Jahren. Nur drei Wochen nach dem Abitur ging es für die inzwischen 24-Jährige über den großen Teich in ein neues Leben. Ein riesiger Schritt im jungen Alter. Andere Sprache, andere Kultur, anderer Fußball. Der Ballsport blieb nämlich auch weit weg von der eigenen Familie der Mittelpunkt in Schiemanns Leben. Deutlich athletischer kam das Spiel dort daher. Die Berlinerin kickte mit ambitionierten Teamkolleginnen wie Sam Coffey (mittlerweile Machester City) oder Olivia Smith (mittlerweile Arsenal FC) und unter erfahrenen Trainerinnen. Nebenbei galt es, das Psychologie-Studium an der Pennsylvania State University zu meistern. „Die Zeit hat mich unglaublich geprägt und enorm weitergebracht. Menschlich habe ich – auf und neben dem Platz – total viel erlebt, bin durch Höhen und Tiefen gegangen. Ich habe währenddessen vor allem gelernt, mental mit Rückschlägen besser umzugehen“, resümiert Schiemann im Nachgang. Als der akademische Abschluss näher rückte, begann die körperliche Leidenszeit. Eine Blessur durchkreuzte den Plan, in den USA auf professioneller Ebene durchzustarten. Die Aussichten auf eine spannende Herausforderung schrumpften. Die Entschlossenheit, nach Hause zurückzukehren, wuchs.
Geduld, Geduld
So kam es schließlich auch. In Deutschland standen die Interessenten jedoch nicht gerade Schlange. „Mein ehemaliger Trainer Martin Eismann – ein ganz engagierter und toller Mensch – meinte aber, dass ich unbedingt weiterspielen muss“, erzählt Schiemann. Also kontaktierte der frühere BFV-Übungsleiter die Co-Trainerin unserer 1. Frauen, Sarah Kollek, und sprach eine nachdrückliche Empfehlung aus. Wenig später trug die Innenverteidigerin auch schon das blau-weiße Trikot. Sofian Chahed als Leiter des Frauenfußballs und Tobias Kurbjuweit als Chefcoach schenkten der Neuen das Vertrauen, die Mitspielerinnen empfingen sie mit offenen Armen. „Ich bin einfach dankbar! Denn es war irgendwie eine zweite Chance für mich in Deutschland bei einem guten Verein. Und diese zweite Chance macht nicht nur sehr viel Spaß, sondern verläuft bis hierhin auch sehr erfolgreich“, sagt Schiemann mit leuchtenden Augen. Bei der Integration der Deutschland-Rückkehrerin bewahrten die Verantwortlichen die notwendige Geduld. „Ich musste mich erst einmal wieder vom Kopf und Körper her an das Niveau anpassen. Das hat seine Zeit gedauert“, erklärt die Hauptstädterin. Die zweikampf- und kopfballstarke Defensivspezialistin steigerte in der Folge kontinuierlich ihre Einsatzzeiten und gehörte spätestens mit Beginn der Rückrunde zur Stammbesetzung. Die besonderen Fähigkeiten in der Balleroberung sowie das ruhige und gleichzeitig mutige Handeln im Spielaufbau unserer Nummer 4 passen hervorragend zu den Ideen des Übungsleiters. „Miekes Entwicklung bei uns ist durchgängig als äußerst positiv zu bewerten, was sich seit der Rückrunde in der Regionalliga dadurch widerspiegelt, dass sie sich zu einer festen Größe in unserer Mannschaft etabliert hat. Seitdem ist sie für uns eine extrem wichtige Spielerin auf ihrer Position mit noch großem Entwicklungspotential. Wir sind sehr froh, sie bei uns zu wissen“, unterstreicht Kurbjuweit.

Metamorphosen auf allen Ebenen
Die vergangene Saison hielt derweil ja so einige Highlights für unsere Herthanerinnen bereit: Auftritt im Olympiastadion, Meisterschaft, Aufstieg. Und Schiemann stets mittendrin statt nur dabei. „Ich bin vorher noch nie aufgestiegen. Das war ein so cooles Gefühl, das ich gar nicht richtig beschreiben kann“, verrät die 24-Jährige und fügt mit Blick auf die daraus entstandenen Aufgaben hinzu: „Die 2. Bundesliga bockt einfach!“ Für die Blau-Weiße ist es eine Rückkehr in die zweithöchste deutsche Spielklasse. Zwischen 2018 und 2021 hatte Schiemann schon 28 Einsätze im Unterhaus absolviert. Seitdem haben sich viele Dinge getan. Die Strukturen sind deutlich professioneller geworden, zudem besuchen mehr Fans die Begegnungen. „Ich war – im positiven Sinne – baff, wie sehr sich der Frauenfußball hier während meiner Abwesenheit verändert hat. Hertha ist dafür das beste Beispiel“, schildert die ehemalige U-Nationalspielerin. Doch auch hinter Schiemann selbst liegt logischerweise eine Metamorphose als Fußballerin. „Ich bin zwar immer noch eine recht wilde Spielerin“, sagt die Berlinerin grinsend, „aber nicht mehr ganz so wild wie früher. Da habe ich mich weiterentwickelt, bin vom Spielstil reifer geworden und will auch mehr Verantwortung übernehmen. Das kommt einfach mit der Erfahrung.“ Tatsächlich lässt sich sowohl im Spiel als auch im Training regelmäßig beobachten, wie Schiemann den Dialog mit ihren teils jüngeren Teamkolleginnen sucht, um Anweisungen oder Ratschläge zu geben.

Teamgeist als Erfolgsrezept
Und gemeinsam legten die Herthanerinnen einen äußerst zufriedenstellenden Saisonstart hin – das trotz der bis dato unbekannten Rolle als Underdog sowie einer nur sehr kurzen Sommervorbereitung. „Was ich bemerkenswert fand, war, wie schnell unser Trainerteam erkannt hat, an welchen Punkten wir ansetzen müssen. So konnten wir uns auch zügig den anderen Anforderungen anpassen“, erklärt Schiemann. Das Resultat sind neun Zähler aus den ersten vier Spieltagen. „Es zeugt von Qualität, wie wir zuletzt auch knappe Spiele für uns entscheiden konnten – und das als sehr junges Team. Das ist natürlich sehr wichtig für unser Ziel, den Klassenerhalt“, betont die Herthanerin und schiebt direkt hinterher: „Wir dürfen deswegen aber nicht zu euphorisch werden. Wir wollen nämlich noch mehr und auch viele andere Gegner ärgern.“ Das Erfolgsrezept für die blau-weißen Errungenschaften kennt Schiemann nach einjähriger Zugehörigkeit natürlich schon längst: „Das Team an sich und der Teamgeist sind unsere größten Stärken. Der Kern spielt schon seit mehreren Jahren zusammen. Diese Eingespieltheit hilft enorm“, sagt die Berlinerin, die ab Herbst ein weiteres Studium in Angriff nimmt und sich für Sportwissenschaft eingeschrieben hat. Aufgrund des herausgestellten Teamgeistes überrascht es auch nicht, wenn die abseits des Platzes für jeden Spaß zu habende Schiemann, nach ihrem größten Highlight der vergangenen zwölf Monate gefragt, antwortet: „Ich liebe die Auswärtsfahrten mit dem Team – wenn wir zusammen im Hotel sind, gemeinsam Werwolf spielen und uns noch besser kennenlernen.“ Unter dem Strich bleibt da nur ein Fazit: Zweite Chance genutzt!