
Dieser Moment, als ich Herthaner wurde
War es der erste Schal, den eure Eltern euch auf dem Weg zum Spiel gekauft haben? War es der erste durchs Olympiastadion hallende Hertha-Fangesang, der euch nachhaltig beeindruckt hat? Oder doch die Kunststücke einzelner Blau-Weißer auf dem grünen Rasen – von Ete Beer über Marcelinho bis hin zu Marko Pantelić? Jede Herthanerin und jeder Herthaner hat einen eigenen Weg in unsere blau-weiße Familie. Gemeinsam mit der Sparda-Bank Berlin sucht unser Hauptstadtclub genau diese Geschichten – diesen Moment, als ihr Herthaner geworden seid.
Die Alte Dame hat Daniel Zoels durch alle Lebensetappen begleitet. Als Kind wurde der Zehlendorfer erstmals mit ins Stadion genommen und verfiel unserem Verein, dem er auch nach einem Umzug als Jugendlicher treu blieb. In Ostwestfalen wurde der Berliner sesshaft und gründete eine Familie, nun nimmt er selbst seine Kinder mit zu Heim- und Auswärtsspielen. Und das, obwohl die Lebensumstände für die Familie Zoels alles andere als einfach sind. Im Interview mit Redakteur Konstantin Keller spricht der Herthaner über seine Liebe zu unserem Hauptstadtclub, besondere Erinnerungen und Erlebnisse als Exilherthaner – und über den großen Kampf seiner jüngsten Tochter Isabella.
Daniel, was ist deine erste Erinnerung an Hertha BSC?
Zoels: Immer noch präsent ist der Mai 1997 und ein 3:0 gegen Meppen – es war das erste Heimspiel, das ich live im Olympiastadion verfolgt habe! Meine Mutter und ihr damaliger Lebensgefährte, der immer ins Stadion gegangen ist, haben mich damals mitgenommen. Ich bin in Zehlendorf großgeworden, das Thema Hertha war dort omnipräsent, im Sportunterricht hatten alle blau-weiße Klamotten an. Seit diesem Tag war und bin ich Herthaner! Ein weiterer besonderer Augenblick war mein 12. Geburtstag, zu dem ich mein erstes Trikot bekommen habe – mit der Rückennummer 12 und meinem Vornamen als Beflockung. Dieses Trikot hatte vor kurzem übrigens meine älteste Tochter an, als wir zum Heimspiel gegen Fürth hier waren (lächelt).
Das erste Trikot mit eigenem Flock ist die eine Variante – die andere ist der erste Lieblingsspieler, der einen in jungen Jahren am meisten beeindruckt. Welcher Kicker haben dich damals besonders begeistert?
Zoels: Früher war ich selbst Torwart beim F.C. Hertha 03, deshalb waren Christian Fiedler und Gábor Király besonders spannend für mich! Ich hatte bei den beiden auch keinen Favoriten, mochte beide und wollte immer nur, dass der beste Mann für uns zwischen den Pfosten steht. Aber die gesamte Mannschaft war damals besonders. Michael Preetz, Ali Daei… später waren es dann Spieler wie Alex Alves oder Marcelinho, die mich fasziniert haben, danach kam irgendwann ein Raffael. Hertha hatte und hat einfach immer besondere Spielertypen in seinen Reihen!
Was ist dein schönster oder prägendster Moment mit unserer Alten Dame?
Zoels: Champions League war etwas Besonderes. Oder auch 2009, als wir bis zum Schluss um die Meisterschaft mitgespielt haben, wobei das Ende in Karlsruhe natürlich bitter war. Mir fällt auch direkt das 6:0 gegen Hamburg ein, als Bart Goor vier Buden gemacht hat, unglaublich cool! Die Aufstiege 2011 und 2013 waren auch toll. Inzwischen, als Landmensch, ist außerdem einfach jedes Heimspiel und diese besondere Atmosphäre etwas ganz Besonderes. Wenn die Hymne beim Einlaufen gesungen wird, die Schals hochgehen… immer ein Erlebnis! Auch mit den eigenen Kindern mal am Trainingsplatz zu stehen und die Spieler zu sehen, die wir sonst nur aus dem Fernsehen kennen, zu erleben, wie herzlich alle sind – als wir das vor einigen Jahren mal gemacht haben, war es genial für meine Tochter. Sonst ist sie eine Plappertasche wie ihr Papa, aber in diesem Moment war sie stumm (lacht).
Was macht unseren Verein für dich aus? Wie erklärst du Außenstehenden die Faszination, die von ihm ausgeht?
Zoels: Die Verbundenheit ist durch meine Berliner Wurzeln einfach da und immer geblieben. Hertha ist ein familiärer Ausbildungsverein, der gute, junge Spieler wie Ibrahim Maza oder Kennet Eichhorn hervorbringt. Und dieses Familiäre habe ich auch gespürt, als ich den Kontakt zur aktiven Fanszene gesucht habe und plötzlich Kreisel am Telefon hatte! Als Familienväter sind wir sehr gut und herzlich ins Gespräch gekommen. Genau dieser Zusammenhalt innerhalb des Vereins und seine Nahbarkeit, beispielsweise durch die wie eben beschriebenen Trainingsbesuche, machen Hertha für mich aus.
Inzwischen bist du Exilherthaner…
Zoels: … genau, als ich 13 war, ist meine Mutter mit mir nach Ostwestfalen umgezogen. Hertha bin ich aber immer treu geblieben, habe weiterhin regelmäßig Heimpartien und die Auswärtsspiele in unserer neuen Region besucht: Hannover, Osnabrück, Paderborn oder Bielefeld.

Heute lebst du mit deiner eigenen Familie in Vlotho. Wie regelmäßig gehst du noch in Stadion? Wie verfolgst du Hertha inzwischen hauptsächlich?
Zoels: Wir kommen pro Saison zu zwei bis drei Spielen – entweder auswärts oder im Olympiastadion. Mit meinen beiden größeren Töchtern war ich zum Beispiel vor zwei Jahren beim Heimspiel gegen Rostock, was ein unglaubliches Highlight für beide war. Sie waren acht und fünf Jahre alt und konnten dann mal selbst sehen, was ihr Papa daran so schön findet (lächelt).
Deine Begeisterung hat sich also auch auf deine restliche Familie übertragen.
Zoels: Die beiden Größeren können auf jeden Fall etwas damit anfangen! Meine Frau ist eher kein Fußballfan, aber wenn sie mitfiebert, dann mit Hertha. Sie hat auch die App installiert, um zu wissen, ob ich nach den Spielen gut drauf bin oder nicht (zwinkert). Meine vierjährige Tochter ist gegen Bielefeld zum ersten Mal mit im Stadion gewesen, die jüngste müssen wir an der Stelle herausnehmen.
Du sprichst deine Tochter Isabella an. Fußball ist bekanntermaßen die schönste Nebensache der Welt und eine willkommene Auszeit vom Alltag, in dem ihr als Familie mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert seid. Deine jüngste Tochter hat zwei seltene Gendefekte, die bereits im Alter von sieben Monaten operative Eingriffe am Gehirn erforderlich machten. Möchtest du uns von ihr erzählen?
Zoels: Unsere Kleinste ist schwer krank zur Welt gekommen, hatte ein Hirnfehlbildung und von Geburt an schwerste Epilepsieanfälle, bis zu 30 am Tag, die nicht mit Medikamenten in den Griff zu bekommen waren. Sie leidet unter zwei Gendefekten, die in dieser Kombination nach unseren Informationen medizinisch noch gar nicht beschrieben sind. Es geht um eine Mutation des TSC2-Gens, die eine Tuberöse Sklerose zur Folge hat, und einen Defekt des SCN2A-Gens. Wir sind inzwischen mit einem TSC-Zentrum in Süddeutschland vernetzt, um mehr Informationen und Tipps über diese Kombination und den Umgang damit zu bekommen. Aber auch denen war diese Kombination nicht bekannt. Außerdem hat Isabella auch einen gutartigen Tumor am Herzen, der sich aber zurückbilden kann, zum Glück keine Auswirkungen zeigt und streng von den Ärztinnen und Ärzten überwacht wird.
Eine Operation rettete vor kurzem ihr Leben.
Zoels: Sie ist mit allem, was dazu gehört, 13 Stunden lang in Bielefeld betreut und operiert worden. Wir brauchten, nicht nur an diesem Tag, als Familie einen langen Atem. Die OP soll ihr ein möglichst gutes Leben ermöglichen, da jeder epileptische Anfall dich zurückwirft und so gar keine Entwicklung möglich gewesen wäre. Schon das Aufklärungsgespräch im Vorfeld hat zweieinhalb Stunden gedauert, die Mediziner haben uns aber eindringlich zum Eingriff geraten, da Isabella sonst vermutlich nicht mehr am Leben wäre. So konnten wir ihr eine Perspektive schaffen.
Wie prägen die Umstände und die erforderliche Pflege eures Kindes euren Alltag?
Zoels: Psychisch hat uns all das als Familie natürlich enorm angegriffen, ich bin derzeit auch krankgeschrieben. Nach der Geburt musste uns Isabella weggenommen und medizinisch permanent betreut werden, meine Frau war die ganze Zeit bei ihr. Wir haben noch drei andere Kinder, die sie kaum sehen konnte. Für die drei waren diese Phasen insgesamt auch extrem schwierig. Diese Zeit hat uns alle sehr geprägt. Schön ist, dass wir gerade eine positive Entwicklung bei unserer Maus sehen, aber seriöse Prognosen über die Zukunft und die Auswirkungen des SCN2A-Defekts sind noch nicht möglich.
Wie geht es nun für euch weiter?
Zoels: Leider ist der familiäre Alltag dadurch, und durch weitere medizinische Probleme in der Familie, ziemlich belastet. Wir versuchen aber das möglichste, um unsere Kinder zu unterstützen, machen viele Ausflüge, führen viele Gespräche und unterstützen sie schulisch und im Kindergarten, um ihnen einen möglichst guten Alltag zu ermöglichen. Auch das führte zu der Idee des Spendenaufrufs, den meine Mutter gestartet hat. Das geplante normale Kinderzimmer muss nun spezielle Anforderungen erfüllen. Den Um- und Ausbau haben wir selbst vorangetrieben, aber unsere finanziellen Mittel stoßen dabei einfach an Grenzen. Eine Stiftung ist in diesem Kontext auch bereits auf uns zugekommen und hilft uns, wir hoffen auf weitere Unterstützung.
Das als Stichwort: Was können Herthanerinnen und Herthaner, die das hier lesen und helfen möchten, für euch tun?
Zoels: Zum einen hilft uns schon einmal die Beteiligung über die Spendenkampagne bei Gofundme sehr, um uns etwas finanziellen Puffer zu verschaffen. Außerdem haben wir immer noch die Hoffnung, dass irgendwer von dieser Sache hört und ähnliche Diagnosen oder Symptome hat oder Muster bei inzwischen älteren Personen wiedererkennt – und man so in irgendeine Form des Austauschs kommt. Vielleicht liest das hier jemand, beispielsweise ein Fachmediziner aus Berlin, der in irgendeiner Weise weiterhelfen kann. Vor kurzem haben wir so auch einen Termin in Worms bei dem Chefprofessor in einem TSC-Zentrum bekommen, nachdem dieses auf unseren Fall aufmerksam geworden ist. Es geht vielleicht auch um Dinge, an die wir jetzt noch gar nicht denken – wir wollen auch diesen Strohhalm noch nicht loslassen.
Dabei drücken wir euch alle die Daumen. Abschließend: Gegen Bielefeld wart ihr als Familie gemeinsam im Stadion. Wie groß war die Vorfreude?
Zoels: Die Kinder haben im Vorfeld jeden Tag gefragt, wann es so weit ist, waren sehr aufgeregt. Meine Frau hat sich auch sehr gefreut und ich selbst war auch kribbelig, wie jedes Mal, wenn ich im Stadion bin. Ich bin froh, dass wir auch logistisch alles gelöst bekommen haben und Hertha dann noch gewonnen hat. Und dass all das dann noch gegen Bielefeld war, eine Mannschaft aus der Region, in der wir jetzt leben und unsere Heimat gefunden haben – da hat sich ein Kreis geschlossen. Es war ein schöner Tag für uns alle!