
„Jeder sollte sich treu bleiben“
In der laufenden Spielzeit verpasste Niklas Kolbe noch keine einzige Minute bei den Partien unserer Herthaner im deutschen Unterhaus. Der groß gewachsene Innenverteidiger hat sich in seiner zweiten Saison bei der Alten Dame endgültig einen Stammplatz in der Viererkette erobert. Zudem erreichte der 29-Jährige jüngst einen persönlichen Meilenstein: den 50. Einsatz in der 2. Bundesliga. Mit Redakteur Konstantin Keller blickte unsere Nummer 27 auf den erfolgreichen Saisonstart und sprach dabei auch über Emotionen, den eigenen Akklimatisierungsprozess sowie Offensivfouls seiner Gegenspieler.
Niklas, bei der Frage der Woche für unsere Social-Media-Kanäle hast du dich zuletzt mehrfach mit gutem Allgemeinwissen und präzisen Schätzungen hervorgetan. Wann sehen wir dich mal bei einem Kneipenquiz?
Kolbe: Allgemein habe ich auf so etwas immer Bock. Also, wenn es zeitlich passt, warum nicht (grinst).
Welche Themenfelder interessieren dich besonders?
Kolbe: Geschichte, vor allem die griechische. Ansonsten natürlich Sport – nicht jede Sportart, aber Fußball und Formel 1 auf jeden Fall. Ich denke, dass ich dann schon ganz gut aufgestellt wäre.
Lass uns zu den wichtigen Themen kommen: „An jedem Spieltag gibt es spezielle Momente, bei denen ich sage: Das ist schon etwas Besonderes.“ Zitat, Niklas Kolbe. Was sticht denn in dieser Saison bislang hervor?
Kolbe: Die positiven Ergebnisse natürlich. Darüber hinaus war es im Prinzip überall komplett voll – egal, wo wir gespielt haben. Ins Olympiastadion sind gegen Magdeburg auch über 60.000 Fans gekommen. Dabei spielen wir immer noch in der 2. Liga. Das ist schon krass. Je mehr Leute kommen, desto besser gefällt es mir. Dann sind nämlich noch mehr Emotionalität und Druck im Spiel. Das heißt, dass man noch mehr liefern muss. So macht es mir einfach am meisten Spaß (strahlt).

Über deinen Werdegang und deinen eher ungewöhnlichen Weg in die 2. Bundesliga hast du schon öfter gesprochen. Jetzt hast du bereits über 50-mal im Unterhaus gespielt. Was macht diese Zahl mit dir?
Kolbe: Absolut gar nichts. Aber ich nehme das natürlich gerne mit und bin sehr dankbar dafür, dass ich trotz meines fortgeschrittenen Alters erst in Ulm und dann hier die Chance im Profifußball bekommen habe. Außerdem hoffe ich natürlich, dass ich noch so lange wie möglich auf diesem Niveau weiterspielen kann. Dafür gebe ich täglich mein Bestes.
Was war die größte Herausforderung im Akklimatisierungsprozess auf dem Weg zu diesem Jubiläum?
Kolbe: Tatsächliche die Spielgeschwindigkeit, denn es geht alles deutlich schneller. Bis die Beine das umgesetzt hatten, was der Kopf wollte, hat es schon ein bisschen gedauert. Außerdem braucht es natürlich auch etwas Fußball-IQ im Allgemeinen. Schon bevor man die Kugel bekommt, sollte man wissen, was man mit ihr machen kann und welche Optionen es abhängig vom Gegner oder den Mitspielern gibt.
Du ziehst sehr viele Offensivfouls deiner Gegenspieler, liegst momentan als einziger Innenverteidiger in den Top 15 der gefoulten Spieler. Woran machst du das fest?
Kolbe: Ich weiß nicht auf Anhieb, ob das gut oder schlecht ist (lacht). Es kommt darauf an: Manchmal denkt vielleicht der Gegner, dass da keiner mehr dazwischenkommt und mir gelingt dann aber genau das mit meinen langen Haxen. Wenn die Statistik so ist, dann funktioniert es offensichtlich ganz gut.
Ihr habt im Sommer einen neuen Spielstil eingeübt. Wie hat sich dein eigenes Spiel dadurch verändert? Und wo kommt dir der neue, aggressivere Stil als Verteidiger möglicherweise auch besonders entgegen?
Kolbe: Die Spielweise passt sehr gut zu mir, weil ich viel über die Geschwindigkeit komme. Wenn man ein offenes Eins-gegen-eins fast über den kompletten Platz hat – teilweise stehe ich am gegnerischen Sechzehner, muss aber innerhalb von Sekunden wieder an unserem sein – dann kommt es zu vielen Laufduellen. Und in diesen fühle ich mich nicht unwohl, im Gegenteil. Meine Stärken sehe ich durchaus im Verteidigen von tiefen Bällen.

Was schätzt du an der Zusammenarbeit mit Stefan Leitl und seinem Team besonders?
Kolbe: Ein Trainerteam ist dafür da, dass es etwas vorgibt. Wenn das funktioniert, ist es gut. Wenn nicht, dann wird es ausgetauscht. Genauso läuft es bei einzelnen Spielern. Die Trainer haben jetzt auf der Basis des aktuellen Kaders einen sehr guten Weg und die perfekte Spielweise gefunden. Wie man sieht, trägt das alles Früchte.
Was tust du abseits des Rasens für dich und deinen Körper? Welche Präventionsmaßnahmen haben sich am meisten bewährt?
Kolbe: Ich bin da ein sehr einfacher Typ. Wir haben jetzt die Kältekammer, die top ist und mir sehr guttut. Davor war es das Eisbecken. Abseits davon mache ich gar nicht so viele körperliche Aktivitäten, fahre eher runter – ich bin ja auch schon etwas älter (lacht). Nach dem Training gehe ich oft aufs Rad und mobilisiere regelmäßig zu Hause mit meiner Freundin, die auch viel Sport macht. Darüber hinaus versuche ich mich, gesund zu ernähren.
Wie hat sich dein persönliches Bewusstsein für diese Dinge in den vergangenen Jahren entwickelt?
Kolbe: Das ist ein Prozess, an den man sich gewöhnen muss. Da kommt es auch auf viel Eigenverantwortung an. Es reicht nicht, zum Training zu kommen und dann wieder nach Hause zu fahren. Man muss schauen, wie der eigene Körper am besten funktioniert, damit man in jeder Einheit Vollgas geben kann und auch am Wochenende immer voll da ist. Als ich in Nöttingen gespielt habe, war alles noch etwas semiprofessionell. Wir haben auch vier Mal in der Woche trainiert, aber nicht tagsüber, sondern am Abend. Da war ich allerdings noch deutlich jünger, mein Körper hat also etwas mehr weggesteckt. Bei den Stuttgarter Kickers ging es schon professioneller zu, aber auch da hatte ich noch nicht das größte Augenmerk auf Vor- und Nachbereitung. Da war ich noch nicht ganz so diszipliniert. In Ulm war die Intensität nochmal höher. Alles ging viel schneller, man hatte viel weniger Zeit in den jeweiligen Situationen – demzufolge musste man eine höhere Belastung fahren. Da habe ich dann versucht, mir Dinge von anderen abzuschauen und zu adaptieren, was am besten zu mir passen könnte. Ich denke, dass ich einen guten Mittelweg gefunden habe, der immer noch funktioniert.

Erfolg schweißt ein Team natürlich zusammen, aber die Stimmung in der Truppe wirkt auch unabhängig davon außergewöhnlich gut. Wie erlebst du die Kabine?
Kolbe: Die Kabine war letzte Saison schon gut. Wenn man dann so in die Saison startet, geht es natürlich kaum besser. Klar, dass da Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Ich hoffe nur, dass wir uns das beibehalten, sollte es mal Rückschläge geben. Was irgendwann der Fall sein wird. Denn das gehört einfach zum Fußball dazu, genau wie Fehler. Ich habe auch schon einen gemacht und wir haben trotzdem gewonnen. Andere haben Fehler gemacht und wir haben trotzdem gewonnen. Weil wir eben gerade so eine tolle Gemeinschaft sind.
Du bist selbst ein offener, positiver Typ. Wie trägst du am liebsten zur guten Stimmung bei?
Kolbe: Ich finde, dass man im Leben nicht alles so ernst nehmen sollte. Man sollte außerdem alles mit Spaß machen. Es ist ein riesiges Privileg, hier zu sein und genau so sollte man das auch leben. Natürlich sollte man nichtsdestotrotz im Spiel oder Training, wenn eine hohe Intensität gefragt ist, alles geben. Aber der Spaß darf nie zu kurz kommen. Wenn man Fußball ohne Spaß spielt, ist man nur halb so gut. Deshalb ist das für mich immer das Wichtigste.
Was wird entscheidend sein, um diesen Lauf nach der Länderspielpause fortzusetzen und weiterhin erfolgreich zu sein?
Kolbe: Jeder sollte sich selbst einfach treu bleiben. Ob wir dann so weitermarschieren, ist auch viel Momentum. Darum ist der Sport ja so schön, weil er nicht ausrechenbar ist. Aber wir sind gut beraten, unseren Weg genauso weiterzugehen, um am Wochenende das Maximum abzurufen.
Abschließend noch eine persönliche Frage: Am 27. Dezember knackst du die große Drei, feierst deinen 30. Geburtstag – laufen die Planungen schon?
Kolbe: Nein (lacht). Ich bin auch da ganz entspannt. Wie es ablaufen wird, weiß ich noch nicht. Aber ich gehe mal schwer davon aus, dass es am Ende mit der Familie und meinen engsten Leuten ein ganz gemütliches Essen wird. Ich bin nicht so der Feiermann, Geburtstage sind mir auch manchmal etwas unangenehm.