Das Publikum bei der Projektpräsentation im Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit.
Historie | 21. Oktober 2026 um 16:30 Uhr

Forschung: Spielstätten von Hertha BSC & Zwangsarbeitslager

Über den Zusammenhang von Fußballplätzen und Zwangsarbeit ist allgemein wenig bekannt. So auch in Berlin. Fußballspiele lockten während des Zweiten Weltkriegs regelmäßig Tausende Menschen in die Berliner Stadien und sorgten für Ablenkung vom Kriegsalltag. Gleichzeitig bebauten die Nazis Stadien und Sportplätze der Hauptstadt mit Lagern zur Unterbringung von Zwangsarbeitenden.

Ganz im Sinne des Leitgedankens ‚Aus der eigenen Geschichte lernen‘ hat sich im April 2026 eine Gruppe engagierter Hertha-Fans zusammengefunden und gemeinsam mit Daniela Geppert vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, der Historikerin Juliane Röleke, dem Fanprojekt der Sportjugend Berlin sowie den beiden Fanbeauftragten von Hertha BSC, Jacqueline Krug und Stefano Bazzano, intensiv mit der Geschichte des Vereins und seiner Spielstätten während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt.

„Die Eigeninitiative, die Motivation und das Engagement unserer Fans, sich wissenschaftlich mit der NS-Zwangsarbeit, den Lagern und den Spielstätten von Hertha BSC auseinanderzusetzen, sind alles andere als selbstverständlich und können nicht hoch genug bewertet werden. Gerade in der heutigen Zeit ist es von entscheidender Bedeutung, sich mit den dunkelsten Kapiteln unserer Geschichte auseinanderzusetzen, Erinnerungen wachzuhalten und dem Vergessen entgegenzuwirken,“ sagt Donato Melillo, Direktor Fan- und Mitgliederservice bei unserer Alten Dame.

Im Zentrum der gemeinsamen Spurensuche stand die Leitfrage: Was sahen Fußballbegeisterte während des Zweiten Weltkriegs, wenn sie an Spieltagen zum beliebten Stadion von Hertha BSC am Gesundbrunnen strömten?

Um sich dieser Frage anzunähern, nahm die Forschungsgruppe Kontakt zu verschiedenen Archiven auf, besuchte Museen, arbeitete sich durch zahlreiche Akten und sichtete historische Dokumente und Fotografien. Dabei richtete sich der Blick nicht allein auf das für die Geschichte von Hertha BSC und seine Fans so bedeutsame Stadion am Gesundbrunnen, die „Plumpe“. Auch weitere historische Spielstätten und Orte im Umfeld des Vereins wurden in die Recherche einbezogen, darunter der heutige Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, vielen auch als „Exer“ bekannt, sowie die Kühnemannstraße und ihre Umgebung.

Das Plakat zur Projektpräsentation im Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit.

Abendveranstaltung mit knapp 100 Gästen

Die Vorstellung der Forschungsergebnisse fand in der Baracke 5 des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit statt. Das Gelände ist das einzige vollständig erhaltene Zwangsarbeitslager in Deutschland und bot damit einen besonderen Rahmen für die Veranstaltung. Der Veranstaltungsraum war mit knapp 100 Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt und bereits im Vorfeld restlos ausgebucht.

Nach der Begrüßung durch Daniela Geppert vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und einem Dankeswort von Melillo begann das Programm. Zum Auftakt berichtete Dani Kindel aus der Projektgruppe vom Zusammenfinden und der Motivation, sich über Monate mit der NS-Geschichte des Vereins zu befassen. Anschließend stellten alle gemeinsam ihre Arbeit und die wichtigsten Forschungsergebnisse vor. Im Publikum herrschten große Aufmerksamkeit und spürbares Interesse. Dieses unterfütterte die folgende Podiumsdiskussion mit der Historikerin Juliane Röleke, Dr. Veronika Springmann, Leiterin des Sportmuseums Berlin, sowie Natalie Keil, Hertha-Fan und Projektteilnehmerin, zusätzlich. Keil betonte dabei, dass sie sich bereits während ihrer Schulzeit eine digitale Lagerdatenbank wie die des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit gewünscht hätte. Es sei ihr wichtig, besonders in der aktuellen politischen Lage auf die Allgegenwärtigkeit dieses Phänomens in der NS-Gesellschaft aufmerksam zu machen und daran zu erinnern.

Gleich mehrere Zwangsarbeitslager in Stadionnähe

Die zentrale Botschaft des Abends war eindeutig: Die Geschichte der NS-Zwangsarbeit muss insbesondere in Berlin mit seinen rund 3.000 Lagern und mindestens 500.000 Zwangsarbeitenden sichtbarer gemacht werden. Dies gilt in besonderem Maße für das Umfeld der Plumpe, die von 1923 bis 1974 die Heimspielstätte von Hertha BSC war. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstanden in direkter Umgebung des Stadions gleich mehrere Zwangsarbeitslager: Gegenüber des Haupteingangs standen Holzbaracken hinter einem Zaun, in denen französische Zivilarbeitende untergebracht waren, die für die AEG in der Brunnenstraße arbeiten mussten. Auf der Kokswiese, einem traditionellen Bolzplatz gegenüber der Plumpe, errichtete der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt ein Lager für mehrere hundert Arbeitskräfte aus Italien. Direkt neben dem Schebera-Platz stand eine Baracke für französische Kriegsgefangene. Hinter einer Tribüne der Plumpe entstand ab November 1942 auf einem Trainingsplatz ein Lager für sowjetische Zwangsarbeiter. Die Recherchen der Gruppe zeigen eindrücklich: Wer damals den Weg zum Haupteingang der Plumpe einschlug, kam zwangsläufig an einem der Zwangsarbeitslager vorbei.

Ein Projektteilnehmer präsentiert Forschungsergebnisse auf der Bühne.

Darüber hinaus wurde im Verlauf des Abends immer wieder deutlich, dass sich die Lebensrealitäten verschiedener Gruppen von Zwangsarbeitenden stark voneinander unterscheiden konnten. Grundlage dieser unterschiedlichen Behandlung im nationalsozialistischen Deutschland war eine rassistische Hierarchisierung. Für Zwangsarbeitende aus Polen und der Sowjetunion galten sehr viel schärfere Regularien als etwa für niederländische oder belgische Personen. In diesem Zusammenhang rückte die Geschichte von Bram Appel in den Fokus. Der niederländische Fußballspieler kam als Zwangsarbeiter nach Berlin und spielte zwischen 1942 und 1944 für Hertha BSC. Aufgrund seines Status als niederländischer Zwangsarbeiter war seine Situation jedoch nicht mit der vieler anderer Betroffener vergleichbar. Während Appel in seiner Freizeit Fußball spielen konnte, waren sowjetische Zwangsarbeitende von solchen Aktivitäten grundsätzlich ausgeschlossen.

Mit Blick auf die Frage, ob auch Hertha BSC Zwangsarbeitende beschäftigt habe, erklärte Röleke: „Das wissen wir nicht. Ausgeschlossen ist es jedoch nicht. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass Vereine damals anders organisiert waren und deutlich weniger unternehmerisch strukturiert als heute. Wir wissen aber auch, dass mit Eli de Heer, Nout Bierings und Bram Appel drei Zwangsarbeiter aus den Niederlanden für Hertha BSC gespielt haben, während viele Herthaner als Soldaten für die Wehrmacht an der Front waren. Der Verein hat definitiv profitiert in dem Sinne, dass der Spielbetrieb weiterlaufen konnte und vor allem Bram Appel zahlreiche Tore geschossen hat. Dass Hertha Appel während seiner Zeit in Berlin eine bessere Unterkunft außerhalb von Lagern vermittelte, zeigt ebenfalls, dass der Verein mit dem Thema in Berührung kam und von der Existenz der Zwangsarbeit wusste.“

Die Forschungsergebnisse dieser Projektgruppe geben neue, bis dato unbekannte Einblicke. Es entstand Schritt für Schritt ein differenzierter Blick auf Orte, die eng mit der Geschichte von Hertha BSC verbunden sind und deren Vergangenheit zugleich von den Spuren der NS-Zwangsarbeit geprägt ist.

Aufbereitung der Erkenntnisse

Nun gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse für eine zeitnahe Veröffentlichung aufzubereiten. Bis dahin können erste Ergebnisse bereits auf der digitalen Karte „Orte des Jubels – Orte des Unrechts“ eingesehen werden.

Ein blau-weißes Dankeschön gilt den engagierten Hertha-Fans, die in den vergangenen Monaten mit großer Ausdauer Archive besucht, Quellen ausgewertet und Dokumente erschlossen haben:

Jerome Brakendorf, Ulrich Crüwell, Rolf Grande, Natalie Keil, Daniela (Dani) Kindel, Julian Koch, Pascal Paterna, Stefan Petke, Laurids Pon, Tobias Risch und Christian Winzer!

Fragen oder Anregungen zum Projekt?

jacqueline.krug@herthabsc.de

stefano.bazzano@herthabsc.de

von Hertha BSC