Klaus Becker (Mitte) mit seinen Brüdern beim Auswärtsspiel in Wolfsburg.
Fans | 5. Juni 2021, 12:00 Uhr

„Ich habe über 1.000 Hertha-Spiele gesehen“

Über ein Jahr lang fanden alle Spiele in der Bundesliga fast ausschließlich ohne Fans statt. Die Stadien blieben leer und die Anhänger mussten sich mit der Fernsehübertragung begnügen. Die Sehnsucht nach der Rückkehr auf die Ränge ist bei allen Anhängerinnen und Anhängern groß, besonders aber bei Klaus Becker (im Bild in der Mitte), der unserer 'Alten Dame‘ bereits seit 58 Jahren treu ist. In der Premierensaison der Bundesliga 1963/64 ging der damals 9-Jährige zum ersten Mal ins Olympiastadion und verpasste seitdem kaum ein Heimspiel. Mehr als 1.000 Partien unserer Spreeathener hat der 67-jährige Hertha-Fan laut eigenen Angaben bis heute gesehen. In dieser Zeit kamen auch einige blau-weiße Erinnerungsstücke zusammen, die der Sammler nach wie vor aufbewahrt.

Ein Programmheft aus der Saison 1971/72.
Ein Programmheft aus der Saison 1971/72.

Unter seinen gesammelten Dingen befinden sich auch die Tickets aus der Premierenspielzeit der Bundesliga. „Die Eintrittskarte stammt aus der ersten Saison, in der ich alle 15 Heimspiele gesehen habe“, erzählt Becker und ergänzt: „Damals spielten ja nur 16 Mannschaften in der Liga. Ich habe noch eine ganze Reihe der farblich jedes Mal anders gestalteten Eintrittskarten. Es waren alles kleine Kunstwerke“. Nur ein Ticket fehlt ihm: Das des allersten Bundesliga-Spiels im August 1963. Damals rechnete man in Berlin nicht damit, dass über 60.000 Zuschauer zu dem Duell gegen den 1. FC Nürnberg kommen würden, sodass nicht genug Eintrittskarten gedruckt wurden. „Mein Vater gehörte zu denjenigen, die ohne Karte ins Stadion gelangten. Ob er an der Kasse überhaupt Geld gegeben hatte, weiß ich nicht mehr“, erinnert sich Becker schmunzelnd. Obwohl der Hauptstadtclub die Saison damals auf Rang 14 beendete, gehörte das Olympiastadion zu den am meisten besuchten Spielstätten der Liga. Im Schnitt sahen sich 35.000 Zuschauer die Aufeinandertreffen an. Damals gab es im Stadion übrigens noch keine festen Platzzuweisungen. „Es herrschte freie Sitzplatzwahl, wer zuerst kam, saß im Oberring in der Mitte. Das Stadion füllte sich also von der Mittellinie bis zu den Kurven. Nummerierte Sitzplätze gab es erst Jahrzehnte später“, erklärt der langjährige Herthaner.

Ein Ticket aus der Premierensaison der Bundesliga 1963/64.
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Ich habe noch eine ganze Reihe der farblich jedes Mal anders gestalteten Eintrittskarten. Es waren alles kleine Kunstwerke.
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-Klaus Becker

Zu seiner Sammlung gehört auch ein Bild aus dem damals verbreiteten Werk 'Deutscher Fußballkalender‘, das der 'kicker‘ herausgab. Zu sehen ist eine Szene unseres ersten Bundesliga-Spiels gegen den 1. FC Nürnberg. Die Herthaner bilden eine Mauer beim Freistoß und Gustav Flachenecker läuft zum Schuss an. Das erste Duell unserer Spreeathener in der Bundesliga-Geschichte endete mit 1:1.

Eine Szene aus dem ersten Bundesliga-Spiel gegen Nürnberg.
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Die kleine Figur gab es vor Unzeiten mal zu kaufen, ich glaube, es gab sie von allen Bundesliga-Teams. Ich brauchte natürlich die im Hertha-Trikot.
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-Klaus Becker

Eine kleine Figur im blau-weißen Trikot.
Die kleine Spielfigur im blau-weißen Trikot.

Neben den zahlreichen Fotos, Eintrittskarten, Programmheften und Spielberichten aus der 'Morgenpost‘, dem 'Abend‘ und der 'Fußball-Woche‘ besitzt der Berliner auch noch eine Besonderheit: Eine kleine Spielfigur im blau-weißen Trikot. „Die kleine Figur gab es vor Unzeiten mal am Zeitschriften-Kiosk zu kaufen, ich glaube, es gab sie von allen Bundesliga-Teams. Ich brauchte natürlich diejenige im Hertha-Trikot“, berichtet der Anhänger unserer Hauptstädter. „Ich weiß noch, dass etliche Tage vergingen, bis ich mich entschied, die Figur zu erwerben, da das Taschengeld mit zehn Jahren Anfang der Sechzigerjahre natürlich nicht üppig war. Der Preis lag wahrscheinlich um eine Mark, aber zum Vergleich: ein Ticket fürs Olympiastadion für Jugendliche bis 16 Jahren kostete auch nur eine Mark, der Eintritt für Erwachsene vier“, erläutert der Sammler abschließend. Sobald wieder Zuschauerinnen und Zuschauer zu Fußballspielen zugelassen werden, wird auch Klaus Becker wieder ins Olympiastadion gehen – und auch weiterhin das ein oder andere blau-weiße Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen.

von Fiona John