Matthias Borst im Gespräch auf der Terrasse des Hotels in Polen.
Akademie | 16. August 2022, 19:50 Uhr

"Das ist das, was wir als Hertha BSC darstellen wollen!"

Spieler, Trainer, Manager – richtete sich das Scheinwerferlicht vor einigen Jahren noch auf einige wenige Funktionen im Fußball, sind mittlerweile zahlreiche Akteure rund um eine Mannschaft auf und neben dem Rasen ebenso aktiv wie wichtig. Das gilt auch für unseren Hauptstadtclub, der sich in den vergangenen Jahren gerade auch im Sport professioneller aufgestellt hat. So zählt seit der Saison 2021/22 Matthias Borst als Leiter Spielkonzeption und Trainerentwicklung zu unseren sportlichen Verantwortlichen. Auf die Frage, was sich Fans und Interessierte unter dieser recht modernen Positionsbeschreibung vorstellen dürfen, kann sich der 35-Jährige selbst ein Schmunzeln nicht verkneifen. Höchste Zeit also, um mit dem gebürtigen Stuttgarter über seine Aufgaben zu sprechen. „Wir wollen von den ganz Kleinen bis ganz nach oben zu den Profis eine einheitliche Spielweise auf den Platz bringen und unsere Jungs so ausbilden, dass sie den Anforderungen einer ganzheitlichen Spielidee gerecht werden", erläutert Borst das Vorhaben seiner Abteilung. herthabsc.com hat sich mit dem Blau-Weißen im Trainingslager unserer U16, U15 und U14 in Polen ausführlich über Philosophie, Identität und Käfigzocker unterhalten.

herthabsc.com: Matthias, fangen wir mal ganz klassisch an: Du bist seit der vergangenen Saison als Leiter Spielkonzeption und Trainerentwicklung bei uns tätig. Was genau können wir und vor allem unsere Fans sich unter diesem Begriff vorstellen?
Borst: (schmunzelt) Letztendlich geht es darum, dass wir eine einheitliche sportliche Identität entwickeln, die im Einklang mit unserer Stadt steht und typisch für Berlin ist. Wir wollen von den ganz Kleinen bis ganz nach oben zu den Profis eine einheitliche Spielweise auf den Platz bringen und unsere Jungs so ausbilden, dass sie den Anforderungen einer ganzheitlichen Spielidee gerecht werden.

herthabsc.com: Du sprichst die ganzheitliche Spielphilosophie schon an. Wenn du dir etwas ausmalen könntest: Wie sollen unsere Herthaner von groß bis klein auf dem Rasen agieren? Welchen Wiedererkennungswert sollen unsere Teams deutschlandweit haben?
Borst: Es geht darum, dass wir eine gewisse Aktivität und Intensität in unser Spiel reinbringen – genau das, was Sandro Schwarz und Fredi Bobic auch schon mehrfach bei den Profis betont haben. Insbesondere in der Akademie wollen wir permanent gegen den Ball ein hohes Pressing spielen, hoch verteidigen und nicht passiv hinten drinstehen. Das gilt natürlich auch für die andere Richtung: Wir wollen mit viel Tempo umschalten und mit Ball die typisch berlinerische Zockermentalität sehen. Wir möchten unter Druck spielerische Lösungen finden und nicht den Ball auf gut Glück nach vorne schlagen – und das alles stets von Aktivität und Intensität geprägt.  

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Es geht darum, eine Verzahnung und eine Interdisziplinarität zwischen den verschiedenen Abteilungen herzustellen.
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-Matthias Borst

herthabsc.com: Dann nimm uns mal mit: Du hast die erste komplette Saison hinter dir. Welche Schritte seid ihr bereits gegangen und wie weit siehst du uns auf dem Weg bis zu eurer Idealvorstellung?
Borst: Wir arbeiten in mehreren Zyklen. Es geht hauptsächlich darum, dass wir abteilungsübergreifend Konzepte erstellen. Das gilt für die Chef- aber auch für die Torwart- und Athletiktrainer, unser Pädagogen- und Psychologen-Team: Alles Erarbeitete müssen wir in Einklang bringen. Wir sitzen mit den spezifischen Gruppen zusammen und entwickeln Lösungen zu gewissen Fragestellungen. Alle Erkenntnisse brechen wir auf einzelne Positionen runter und arbeiten Trainingsübungen sowie einen Leitfaden für die Spieler aus. Ich gehe schwer davon aus, dass wir nach dieser Saison mit allen Phasen des Spiels durch sind. Das heißt, dass wir nach der Spielzeit 2022/23 den ersten Kreis hoffentlich durchbrochen haben – und dann geht’s mit der zweiten Runde weiter. Um mal ein Beispiel zu nennen: Unser U19-Spiel gegen Leipzig (4:0) kommt unserer Idealvorstellung des eigenen Spiels schon sehr nahe.

herthabsc.com: Leitplanken, Prinzipien und Themenblöcke sind Wörter, die in deinem Bereich immer wieder zu hören sind: Welche sind aus deiner Sicht die wichtigsten Aspekte, die eine ganzheitliche Spielphilosophie prägen und weiterbringen?
Borst: Ich würde es losgelöst von Prinzipien und Käfigregeln bewerten. Es geht darum, eine Verzahnung und eine Interdisziplinarität zwischen den verschiedenen Abteilungen herzustellen. Um es mal zu verdeutlichen: Es bringt uns nichts, wenn wir von hinten raus Fußball spielen wollen, aber die Torwarttrainer ihre Torhüter ganz anders ausbilden und eher den langen Ball fordern. Es geht um eine funktionierende Verzahnung: Die Athletiktrainer müssen beispielsweise genau die Inhalte erarbeiten, die die Jungs auf dem Platz für ein perfektes Pressing brauchen. Natürlich gibt es Prinzipien, aber primär geht es uns ganz klar um den ganzheitlichen Ansatz, den ich gerne mit einem Puzzle vergleiche. Wir müssen alle einzelnen Teile zusammenführen!

Matthias Borst (li.) im Gespräch mit Rejhan Hasanović.

herthabsc.com: Ebenso fallen die Verben zocken, jagen, attackieren regelmäßig: Wie wichtig sind dir bei unserer Spielphilosophie gerade die klassischen Berliner Grundtugenden? Stichwort Käfigzocker.
Borst: Für mich sind das die Basics. Wir wollen dem Verein gar nichts künstlich aufsetzen. Es gibt keine andere Stadt, die eine eigene fußballerische Identität hat, vielleicht noch Rio mit dem typischen Strandfußball. Wir möchten einfach das, was die Stadt wiedergibt – Multikulturalität, Vielfalt, Käfige, Straßenfußball – bei uns im Spiel integrieren.

herthabsc.com: Seit dem 1. Januar 2022 hast du in Thomas Broich als Leiter Methodik prominente Unterstützung an deiner Seite. Wenn man euch genauer beobachtet: Ihr seid ständig im Austausch, teilt euch auch ein Büro. Wie läuft eure Zusammenarbeit, welche Schnittmengen habt ihr in eurer täglichen Arbeit?
Borst: Thomas und ich erarbeiten mit allen Beteiligten gemeinsam die Inhalte. Im Anschluss ist er derjenige, der versucht, mit seiner Erfahrung die Inhalte auf dem Platz mit den Trainern umzusetzen. Somit decken wir beide Bereiche aus der theoretischen Konzeption und der praktischen Umsetzung wunderbar ab und daraus ergeben sich die Schnittmengen in unserer Arbeit.

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Die sportliche Identität gilt nicht nur für unsere Akademie oder nur für die Profis – sondern das ist das, was wir als Hertha BSC darstellen wollen!
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-Matthias Borst

herthabsc.com: Apropos beobachten: Im Trainingslager in Polen – sowohl im ersten als auch zurzeit im zweiten – bist du sehr dicht dran an Trainern und Spielern. Was nimmst du aus der Trainingsarbeit mit und wie viel von unserer angestrebten Spielphilosophie erkennst du bereits?
Borst: Ich mache mir ein Bild davon, was die Übungsleiter bereits in ihrer täglichen Arbeit mit den Spielern umsetzen und wo es noch Hebel gibt, an denen wir ansetzen können. Deswegen ist es wichtig, sich die Einheiten anzuschauen, aber auch auf die Kommunikation zwischen den Trainern und ihrem Staff zu schauen. Denn am Ende kann alles nur Hand in Hand funktionieren und es ist unheimlich wichtig, dass wir gemeinsam erkennen, in welchen Bereichen wir die nächsten Schritte gehen können.

herthabsc.com: Nun haben wir inhaltlich sehr viel gehört und haben einen guten Einblick bekommen. Daher zum Abschluss gefragt: Alles, was ihr täglich analysiert, erarbeitet und umsetzt, betrifft sowohl unsere Nachwuchsteams als auch unser Bundesliga-Team?
Borst: Exakt, die sportliche Identität gilt nicht nur für unsere Akademie oder nur für die Profis – sondern das ist das, was wir als Hertha BSC darstellen wollen! Daraus machen wir auch keine Marketingmaßnahme, sondern wollen es einfach umsetzen und auf dem Platz sehen. Wir haben mit Sandro Schwarz einen Profi-Trainer, der diesen Ansatz komplett vorlebt – und daraus ergibt sich diese gute Verzahnung. Nicht nur durch die jüngste Einwechslung von Derry Scherhant gegen Eintracht Frankfurt sieht man, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir haben eine super Kommunikation zwischen Akademie und Lizenzspielerbereich. Genau das ist aber auch das entscheidende: Denn wenn Spieler oben ankommen, müssen sie wissen, was die Herausforderungen und Ansprüche sind – das geht aber nur, wenn wir alle in dieselbe Richtung gehen. Dabei sind wir auf einem unheimlich guten Weg und unser großes Lob gilt allen Verantwortlichen um Pablo Thiam, Fredi Bobic und dem gesamten Trainerteam um Sandro Schwarz.

von Simon Jötten