Die Herthaner Moment-Grafik mit Bernd Bröde.
Fans | 30. November 2025, 12:00 Uhr

Dieser Moment, als ich Herthaner wurde

War es der erste Schal, den eure Eltern euch auf dem Weg zum Spiel gekauft haben? War es der erste durchs Olympiastadion hallende Hertha-Fangesang, der euch nachhaltig beeindruckt hat? Oder doch die Kunststücke einzelner Blau-Weißer auf dem grünen Rasen – von Ete Beer über Marcelinho bis hin zu Marko Pantelić? Jede Herthanerin und jeder Herthaner hat einen eigenen Weg in unsere blau-weiße Familie. Gemeinsam mit der Sparda-Bank Berlin sucht unser Hauptstadtclub genau diese Geschichten – diesen Moment, als ihr Herthaner geworden seid.

Angefangen hat die Reise, als Bernd Bröde 1950 beim Kicken mit Freunden auf einem freigeräumten Trümmerfeld von einem Hertha-Trainer angesprochen wurde, ob er mal zum Training kommen wolle. Von da an brachte ihn sein Vater, der erst wenige Monate zuvor aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, zu den Trainingseinheiten unserer Blau-Weißen. Der gebürtige Berliner war da elf Jahre alt. Geboren wurde der Herthaner 1939 im Wedding und wuchs im Soldiner Kiez auf, wo seine Eltern eine Schneiderei hatten. Nicht nur durch die Nähe zum legendären Hertha-Stadion in Gesundbrunnen war Bröde bereits als kleiner Junge Anhänger der Alten Dame. „Noch bevor ich selbst im Verein spielte, bin ich zur Plumpe gegangen und habe mir die Spiele angesehen“, erzählt das Ehrenmitglied. Für seinen Verein sollte der auch inzwischen im Wedding lebende Rentner dann jahrzehntelang aktiv sein: In der Jugend stieg der Junge auf dem geringsten Niveau ein und spielte sich peu a peu in die erste Mannschaft. Parallel dazu schloss er nach der neunten Klasse die Schule ab und absolvierte anschließend eine Lehre zum Werkzeugmacher.

Australien brachte den Rekord ins Wanken

Bei Hertha stand dem Gesellen der Schritt in den Herrenbereich bevor – nach zwei Monaten im Training der Vertragsmannschaft entschied der junge Mann sich dazu, für die Amateure aufzulaufen. Die zeitliche Taktung - zusätzlich zum Training ging der Handwerker arbeiten und absolvierte einen Englisch-Sprachkurs - war ihm zu eng. Das jahrzehntelange Engagement hätte an dieser Stelle ein verfrühtes Ende nehmen können, Bröde lernte Englisch nämlich für einen Auslandsaufenthalt in Australien. „Über eine Meldung in der Fußball-Woche war ich darauf aufmerksam geworden, dass man nach Australien gehen könne. Ich rief an und stand in Verhandlungen mit einem Verein aus Sydney – dort hätte ich professionell spielen können und mir wurde eine Stelle in meinem Beruf angeboten“, erinnert sich der Weddinger zurück. Die Tür stand ihm offen, letztenendes entschied sich der Anfang 20-Jährige dagegen, weil seine Eltern pflegebedürftig wurden und er mit der englischen Sprache nicht warm wurde.

Bernd Bröde schüttelt eine Hand.

Der Hertha-Zeitzeuge

So blieb der Berliner in seiner Heimatstadt und spielte weiter für die Amateure. Zwar klopften auch andere Vereine an, doch von seinem Herzensclub wollte sich Bröde nicht mehr trennen: „Ich habe Hertha-Blut, da wollte ich nicht mehr woanders hin.“ Mit der Amateurmannschaft feierte der langjährige Kapitän zwei Aufstiege (1964/65, 1965/66). Der Draht zu der Vertragsmannschaft, die 1963 Gründungsmitglied der Bundesliga war, war gut. Auch, weil es zu der Zeit üblich war, dass sich vor Anpfiff der Bundesliga-Partien bereits die Amateurmannschaften duellierten. „Ich war immer bei den Bundesligaspielen dabei und habe 29 Vorspiele bestritten“ erzählt der Herthaner, der auf nahezu allen Positionen eingesetzt wurde. Das tollste war am 26. September 1969: Im Heimspiel gegen den 1. FC Köln kamen 88.075 Zuschauerinnen und Zuschauer ins Olympiastadion – bis heute die zuschauerreichste Begegnung der Bundesligageschichte. Auch im Vorspiel, in dem der kopfballstarke Spieler mitwirkte, war die Spielstätte bereits mehr als gut gefüllt.

Außerdem kann der Blau-Weiße einen Einsatz für die Vertragsmannschaft vorweisen. Bröde schwelgt in Erinnerung: „In der Spielzeit 1967/68 kämpfte Hertha um die Rückkehr in die Bundesliga. Stammverteidiger Uwe Witt verletzte sich und Trainer Helmut ‚Fiffi‘ Kronsbein nahm mich in der Partie gegen das zweitplatzierte Tennis Borussia als Aufstockspieler in den Kader auf. Im zweiten Durchgang wechselte der Trainer mich ein - wir haben das Spiel gewonnen und uns damit für die Endrunde qualifiziert.“

Hotelkick mit der deutschen Nationalmannschaft

Dieser Draht manövrierte den Herthaner später auch in eine denkwürdige Situation: 1970 reiste Bröde als Fan der deutschen Nationalmannschaft zur WM nach Mexiko. Vor dem Mannschaftshotel traf er zufällig auf den zu der Zeit bei Hertha unter Vertrag stehenden Bernd Patzke und Uwe Seeler, den er zwei Monate zuvor im Rahmen eines Werbeprojektes in Berlin kennengelernt hatte. „Die beiden haben mich dann zu einem Turnier zwischen der Nationalmannschaft und einer Auswahl an Hotelgästen eingeladen. Ich war erst einen Tag vorher angekommen, entsprechend bereitete mir die Zeitverschiebung Probleme. Dazu kamen noch die ungewohnten Höhenverhältnisse und die Hitze – nach 20 Minuten war die Luft raus und ich musste mich auswechseln lassen.“ Doch auch das hatte etwas Positives: „Neben mir auf der Bank nahm Uwe Seeler Platz und ich plauderte die restliche Spielzeit mit ihm.“

Der Herthaner Bernd Bröde im Olympiastadion.

Jahrzehntelanges Engagement im Verein

Der Jubilar war schon immer Fußballfan durch und durch: „Meine Hingabe zum Spiel war sehr groß, was mir familiär auch mal ein paar Problemchen eingebrockt hat. Meine Frau sagte: ‚Mensch, du hast ja nur Zeit für Fußball‘“. Das betraf zum einen sein Engagement als Trainer - nach seinem Karriereende im Alter von 29 Jahren übernahm der Inhaber der B-Trainerlizenz direkt im Anschluss die D-Jugend von Hertha und leitete diese neun Jahre lang voller Leidenschaft. Darauf folgten noch Spieler- und Trainerstationen für vier Ü-Mannschaften. Bis ins Jahr 2005 war der Übungsleiter permanent als Spieler oder Trainer für unseren Verein aktiv. Doch auch als Fan erlebte der Zeitzeuge unseres Vereins alle Phasen hautnah: „Am schönsten waren die Europapokalreisen. Ich war in Prag (2:1-Sieg im Viertelfinale des Europapokals 1978/79, Anm. d. Red.), Barcelona (3:1-Niederlage, 2. Gruppenphase der Champions League 1999/2000, Anm. d. Red.) und gegen Inter in Mailand (2:1-Niederlage, 3. Runde im Europapokal 2001, Anm. d. Red.) vor Ort.“ Diese Liebe zur Alten Dame brennt bei Bernd Bröde nach wie vor lichterloh. Wenn es seine Herzerkrankung zulässt, geht er immer noch, nach 75 Jahren Mitgliedschaft, am liebsten ins Stadion, um die Hauptstädter anzufeuern. „Mir bedeutet diese Zahl sehr viel, da mein Blut blau-weiß ist. Ich habe so viele gute Erinnerungen an Hertha, das ist wie meine dritte Ehe – und die hat am längsten gehalten!“

von Tjard Häusling