Luca Schuler im Interview.
Profis | 27. Januar 2026, 17:14 Uhr

„Das kann und muss man lernen“

Der Aufstieg in den Angriff unserer Alten Dame war für Luca Schuler geprägt von vielen kleinen und großen Schritten. Von vielen Erfahrungen, die den 26-Jährigen ebenso geprägt haben wie verschiedene Stationen, tiefe Überzeugungen vom Teamgedanken und einer gleichzeitig erarbeiteten Fähigkeit, Widerstände zu überwinden und Rückschlägen zu trotzen. Im ausführlichen Gespräch mit Redakteur Konstantin Keller berichtet der Stürmer von seinem außergewöhnlichen Weg, prägenden Trainern und seinem Blick auf die kommenden Herausforderungen.

Luca, was ist deine erste Erinnerung an den Fußball?
Schuler: Da fällt mir direkt das Fußballspielen mit meinem Vater und meinem Opa im Garten ein! Dabei ging es aber noch nicht um Tore, sondern darum, den Ball so fest wie möglich zu ihnen zurückzuschießen (lacht).

Wann kam erstmals der Wunsch in dir auf, Profi zu werden?
Schuler: Eigentlich war der da, seit ich denken kann. Fußballspielen hat mir von Anfang an riesigen Spaß gemacht und spätestens, als ich das erste Mal selbst im Stadion war, damals in Kaiserslautern, kam der Traum auf: Wie geil wäre es, selbst einmal da unten spielen zu dürfen!

Diesen Sprung in den Profifußball hast du über viele verschiedene Stationen geschafft: Lange warst du beim FCK, anschließend führte dich dein Weg nach Elversberg, Saarbrücken, Köln und zu Schalke 04, wo du im November 2020 in der Bundesliga debütiert hast. Wie haben dich die einzelnen Schritte und Vereine geprägt?
Schuler: Jede Station war für mich lehrreich. In Kaiserslautern fing alles an, mit guten und schlechten Phasen – ähnlich wie dann in Elversberg und Saarbrücken. Köln war fußballerisch für mich am schwierigsten, aber am Ende hat mich dieser Weg auch zu Schalke geführt, wo ich dann die ersten richtigen Berührungspunkte mit dem Profifußball hatte.

Gab es Trainer, die dich dabei besonders beeindruckt oder beeinflusst haben?
Schuler: In der Jugend in Kaiserslautern hatte ich einige, die mich weitergebracht haben. Patrick Tessié kann ich hier herausheben. In Saarbrücken hat mich Oliver Schäfer, der selbst lange Profi war, geprägt, auf Schalke Torsten Fröhling und Kai Hesse. Die beiden haben uns auch einfach mal machen lassen, was manchmal viel wert ist: Dem Spieler das Gefühl zu geben, dass er selbst entscheiden kann, was ihm in seiner Rolle guttut. Diese Trainer waren in der Phase zum Profibereich am wichtigsten. Der für mich wichtigste Coach war aber Christian Titz, der mir in den drei gemeinsamen Jahren enorm viel beigebracht hat, fußballerisch und menschlich. Die Art und Weise, wie ich inzwischen Fußball spiele und denke, ist sein Verdienst und ich bin sehr dankbar, dass sich unsere Wege in dieser Phase getroffen haben.

Einen Aspekt, dem Spieler ein paar Freiheiten zu geben, hast du schon angesprochen. Was zeichnet einen besonderen Coach noch aus?
Schuler: Ein guter Trainer berücksichtigt die Bedürfnisse, Talente und auch die Schwächen einzelner Spieler: Es geht darum, sich zu verbessern, aber auch darum, weniger gute Bereiche zu umgehen und stattdessen Stärken in den Fokus zu rücken. Wenn ein Spieler beispielsweise stark in der Tiefe ist, kann man darauf achten, dass er bei acht von zehn Bällen auch tief läuft und nur zwei Mal entgegenkommt. Wenn ein Coach solche Stärken erkennt, ist das eine gute Sache für den Spieler.

Du hast nicht nur einmal selbst erlebt, wie schnelllebig der Profifußball ist. Wie gehst du persönlich damit um?
Schuler: Man gewöhnt sich in gewisser Weise daran. Es gehört zum Fußball dazu, im positiven wie im negativen Sinne: Bei niemandem läuft es immer rund, egal wie groß der Name ist. Ich habe auf jeder Station positive und negative Erlebnisse gehabt, aber gerade die negativen haben mich eben auch hierhergeführt – und hier bin ich ziemlich glücklich (lächelt).

Luca Schuler bejubelt ein Tor.

Dann lass uns nach diesem Ausflug in deine Vergangenheit mal über deinen Weg bei unserer Alten Dame sprechen! Schnelllebigkeit ist in diesem Geschäft ebenso omnipräsent wie der Konkurrenzkampf. Du hast aber mehrfach schon betont, dass du deine Mitspieler nie als Rivalen siehst, stattdessen als Teamkollegen und Freunde. Hilft so eine Einstellung auch, wenn der interne Druck steigt oder es bei einem selbst mal nicht so läuft?
Schuler: Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Jeder Mitspieler, den ich bis jetzt im Sturm hatte, hat andere Qualitäten mitgebracht. Qualitäten, die ich vielleicht nicht habe, wofür ich aber wiederum andere einbringen kann. Man kann viel voneinander profitieren. Wenn man unseren aktuellen Sturm anschaut: Dawid (Kownacki, Anm. d. Red.), Seba (Sebastian Grønning, Anm. d. Red.) und ich sind alle ein stückweit unterschiedlich. Dawid hat brutale Abschlussqualität im Sechzehner, Seba seine Physis und sein Ballfestmachen – da kann man sich viel abschauen. So habe ich das schon immer gesehen, auch zum Beispiel vorher mit Flo Niederlechner, Smail Prevljak und den Wochen mit Haris Tabaković. Ich versuche lieber, die gemeinsame Zeit zu nutzen, als nur den Gedanken zu haben: „Ich muss irgendwie gucken, vor ihn zu kommen!“. Das mag den einen oder anderen auch antreiben, reines Konkurrenzdenken blockiert einen meiner Meinung nach eher und hindert einen daran, das eigene Potenzial auszuschöpfen. Außerdem ist der Ansatz wichtig für die Harmonie im Team. Natürlich freue ich mich genauso, wenn einer der beiden trifft – weil wir das alle für die Mannschaft tun. Wir sind Mitspieler und Freunde, keine Konkurrenten und Gegner.

Spielen möchten natürlich trotzdem alle. Du selbst hast nach einer Verletzung die ersten Saisonspiele verpasst, dich dann aber zurück in die Startelf gearbeitet. Führst du diesen Durchsetzungswillen auch auf deine sportliche Biografie zurück?
Schuler: Es ist auf jeden Fall wichtig, auch mal schwierige Phasen durchzumachen. Denn wenn man die einmal erlebt hat, dann wird es leichter mit Verletzungen oder auch Zeiten, in denen man mal nicht so gebraucht wird, umzugehen. Ich weiß, wie man sich nach Verletzungen vorbereitet und aus der Reha herauskommen muss, um sich schnell wieder in die Mannschaft integrieren zu können. Das hat mir gerade in diesen fünf Monaten geholfen, in denen ich raus war. Wichtig ist aber auch, Leute um dich herum zu haben, die dir helfen: Die dir gut zusprechen, Dinge im Alltag oder im Training abnehmen. Solche Menschen habe ich um mich herum und bin dafür jedes Mal aufs Neue sehr dankbar.

Abgesehen von einem langwierigen Ermüdungsbruch zu Magdeburger Zeiten war deine zurückliegende Zwangspause die langwierigste. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Schuler: Natürlich hofft man dann immer auf gute Nachrichten, gerade beim Doc, und wenn sich dann nach zwei bis drei Wochen nichts geändert hat, ist das schon schwierig für den Kopf. Man wusste einfach nicht so richtig, wie lange es noch dauert. Aber da muss man dranbleiben, Gas geben und hoffen, dass der Körper mitspielt und dazu beiträgt, dass man schnell wieder zur Mannschaft stoßen darf. Mentale Resilienz kann und muss man lernen!

Neben einer gewissen Widerstandsfähigkeit hilft einem auf dem Weg zur Bestleistung auch ein Wohlfühlfaktor abseits des Platzes. Wie wichtig ist der für dich, um performen zu können?
Schuler: Sowohl der als auch das Umfeld an sich sind für mich sehr wichtig! Die Mannschaft, der Staff, das Trainerteam und auch die Geschäftsstelle, wo man sich immer wieder sieht – ich finde es enorm wichtig für alle Seiten, dass es da passt und die Menschen spüren, dass das Team genauso ein normaler Teil des Vereins ist wie alle hier.

Fühlst du dich nach anderthalb Jahren bei Hertha auch in Berlin richtig angekommen?
Schuler: Auf jeden Fall, das ging auch sehr schnell. Es gibt in Berlin nichts, was es nicht gibt – neben der großen Vielfalt gefällt mir und meiner Freundin auch, dass wir immer mal wieder zusammen Essen gehen und dabei Dinge ausprobieren können. Es muss auch nicht immer schick sein. Und fußballerisch passt es im Verein sowieso, wir fühlen uns sehr wohl und werden hoffentlich noch eine Weile hier sein (lächelt).

Luca Schuler im Interview.

Du hast die Harmonie im Team schon thematisiert. Seit dieser Saison hast du mit Niklas Kolbe einen Teamkollegen, mit dem du menschlich offenbar besonders glänzend zurechtkommst. Er hat auch einen Weg zum Profi genommen, der nicht unbedingt geradlinig verlief. Schweißt so etwas zusätzlich zusammen?
Schuler: Es passt auch einfach menschlich! Natürlich hat er auch einen außergewöhnlichen Weg genommen, als er 17 oder 18 war, hätte ihm vermutlich keiner zugetraut, mal bei Hertha zu landen. Und wenn man jetzt sieht, was er auf dem Platz leistet, alleine in den beiden Partien gegen Lautern – das war Wahnsinn, was er da abgezogen hat. Den Spitznamen ‚Marcelo‘ trägt er in der Mannschaft zurecht (schmunzelt). Zwischen uns passt es, zwischen unseren Freundinnen auch, wir unternehmen auch Dinge zu viert oder unsere Partnerinnen treffen sich auch Mal zu zweit. Ich glaube, bei uns liegt es auch ein bisschen daran, dass wir beide aus dem Süden kommen. Das verbindet, sei es durch den Akzent oder einige Dinge, die wir vor allem von dort kennen. Man sagt ja gerne, dass man sich vielleicht nicht gesucht, aber gefunden hat. Oft ist der Kontakt mit ehemaligen Mitspielern nach Wechseln nicht mehr so intensiv, aber ich habe drei, vier Beispiele wo er geblieben ist – und bei Niklas und mir wird es auch so sein, obwohl ich natürlich erstmal hoffe, dass wir noch lange zusammenspielen.

Lass uns noch einmal auf deine Entwicklung in dieser Saison schauen: Du hast im Trainingslager verraten, dass du einige Dinge in deiner Ernährung und deinem Training verändert hast. Woher kam der Impuls? Wie hat sich möglicherweise dadurch auch dein eigenes Spiel verändert?
Schuler: Wenn es häufiger kleine Beschwerden gibt, macht man sich einfach Gedanken: Was kann ich ändern, was kann ich anpassen? Ernährung, Art und Weise des Trainings – in meinem Fall ist es ein Mix aus allem. Glutenfrei esse ich schon eine Weile, jetzt nehme ich auch weniger Fleisch zu mir, so gut wie keinen industriellen Zucker. Zusätzlich habe ich meine Zeiten geändert, esse nicht mehr so spät. Beim Training habe ich das Krafttraining reduziert, obwohl es mir großen Spaß macht. Aber ich habe gemerkt, dass zu viel Muskulatur sich eher negativ auswirkt, fokussiere mich deshalb mehr auf Stabilität und zusätzliche Grundlagenausdauer nach dem Training. Die Beweglichkeit, die Spritzigkeit ist eine andere, am Ende profitiert davon auch die Kondition. Muskeln ziehen sehr viel Sauerstoff, den ich bei dem einen oder anderen Sprint besser gebrauchen kann.

Spannend! Dann gestatte uns zum Abschluss noch eine Frage zu deinem aktuellen Trainer: Wir haben schon über Übungsleiter deiner Vergangenheit gesprochen – in der Gegenwart arbeitest du unter Stefan Leitl. Was zeichnet ihn und sein Team aus?
Schuler: Er arbeitet sehr genau, hat einen klaren Plan und kann auf jeden Gegner eingehen. So hat er Woche für Woche eine Idee, wie wir in die Spiele gehen sollen – und die funktioniert, wenn wir sie umsetzen können! Bei seiner Vorbereitung ist immer wieder aufs Neue beeindruckend, wenn man hinterher merkt: Es ist genauso gekommen. Das macht ihn aus, er hat immer eine klare Vorstellung, wie es funktionieren soll – und wenn es nicht fruchtet, liegt es eben an uns Spielern. Das verleiht Sicherheit, auf dem Feld und auch vorher. Wir wissen, was zu tun ist und was auf uns zukommt. Ein klarer Matchplan ist immer gut für den Kopf!

von Konstantin Keller