Dr. Peter Görlich in Lagos.
Profis | 11. Januar 2026, 10:10 Uhr

„Der Club versucht, sich an allen Ecken und Enden zu verbessern“

Nicht einmal einen Tag nach Ankunft unserer Mannschaft erreichte auch Dr. Peter Görlich das Teamquartier im Trainingslager in Lagos. Unser Geschäftsführer war vor Ort gewohnt umtriebig, beobachtete die Arbeit und suchte den Austausch mit allen Beteiligten. In einer Medienrunde mit den mitgereisten Journalistinnen und Journalisten teilte der 58-Jährige seine zahlreichen Eindrücke und sprach im ausführlichen Austausch über…

… seine Eindrücke der Arbeit vor Ort:

Ich spüre brutale Lust auf Leistung. Wenn man die Trainingseinheiten beobachtet, sieht man auch, dass wir diese Leistungen mit entsprechendem Equipment messen. Wir arbeiten mit Sensorik, haben zudem ein externes System zur Geschwindigkeitsmessung, auch, um die Belastung im Blick zu behalten und zu schauen, was in der Spitze noch geht. Darüber hinaus haben wir auch mental viel gearbeitet. Ich erlebe eine Mannschaft, die total eng zusammensteht und sich super vorbereitet. Die regenerativen Maßnahmen werden angenommen. Und: Ich erlebe das auch beim Staff, bei den Physios, beim Medienteam – alle arbeiten hart daran, um entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

… Einblicke in & Austausch zur Leistungsdiagnostik:

Ich habe schöne Werte gesehen, bin im engen Austausch. Natürlich hängt das auch mit meiner Sozialisation und meinem Studium zusammen, durch das ich diese Werte relativ schnell interpretieren kann – nicht so tief wie unsere Spezialisten Kuchno und Vieth, aber ich unterhalte mich mit ihnen, führe auch Rücksprachen mit Trainer und Sportdirektor. Wohin geht die Belastung? Wie ist die individuelle Beanspruchungsplanung in diese übergegangen? Ich habe Interesse, gebe Support und führe gerne Diskussionen. So kommen verschiedene Impulse zusammen, um die Leistungen zu verbessern. Natürlich unterhalte ich mich auch mit den Spielern: Wie ist die Einheit bei dir angekommen? Ist das erreicht worden, was du dir vorgenommen hast, was ihr euch als Team vorgenommen habt? Man sieht gerade bei Spielern wie Leon Jensen, die wieder ans Team herangeführt werden, dass sie große Umfänge fahren. Sie sind vor den anderen da, gehen in den Kraftraum oder machen hinterher noch etwas. Da geht es immer auch um das subjektive Empfinden.

Dr. Peter Görlich im Austausch mit Stefan Leitl.

… die Arbeit im mentalen Bereich:

Wir haben spezifische sportpsychologische Testverfahren durchgeführt. Dabei geht es vor allem um Entscheidungsfindung. Das kam bei den Jungs extrem gut an, es herrschte großes Interesse. Es ist ein Teil, um Leistung zu optimieren: Es geht nicht nur um überragende Beine, sondern auch darum, zum Zeitpunkt X die richtige Leistung im Kopf zu bringen, die entsprechende Einstellung an den Tag zu legen, um genau zum richtigen Zeitpunkt die Peak Performance zu erreichen. Dazu gehören körperliche, taktische und mentale Aspekte. Im Trainingslager hat man Zeit für solche Themen, alle sind zusammen und deshalb haben wir all das integriert.

… eine inhaltliche Zwischenbilanz:

Die Themen, die wir intensiver betrachtet haben, haben sich als die richtigen herausgestellt. Wir befinden uns in verschiedensten Gesprächen. Ich nehme wahr, wie stark und intensiv dieser Club versucht, sich an allen Ecken und Enden zu verbessern. Dass der Verein ein Bewusstsein entwickelt hat, wie er nicht mehr funktionieren möchte. Jetzt sind wir dabei, alles so zu orchestrieren, dass wir sowohl sportliche als auch wirtschaftliche Ziele nachhaltig erfüllen können. Das ist der entscheidende Punkt. Ich fühle mich total wohl und wahrgenommen, merke, dass die Menschen mit mir in den Austausch gehen – das ist das Wichtigste: Reden, um die Themen ringen und sich nicht in irgendein Schicksal ergeben. Veränderungen sind nicht immer und nicht bei jeder und jedem positiv besetzt: Man hinterfragt sich selbst – und eine Organisation. Aber wir richten uns immer zuerst an die Menschen, unterstützen und empowern, damit sie den Anforderungen gerecht werden können. Wir binden auch externe Spezialisten mit in die Diskussionen ein, gerade rund um die sportliche Performance sowie Spieler- und Trainerentwicklung. Diese Prozesse sind noch lange nicht abgeschlossen, aber sehr gewinnbringend für Hertha BSC und uns alle.

… wirtschaftliche Perspektiven & Maßnahmen:

Wir sind auf Konsolidierungskurs, haben die harte Sanierung überstanden. Es gibt viele Facetten, die wir berücksichtigen müssen. Wenn wir etwas wie die Mitgliederrabatte wegnehmen, dann nicht, um jemanden zu ärgern, sondern, um zukunftsfähig aufgestellt zu sein. Wir bemühen uns, diese Zukunft so zu gestalten, dass alle am Club beteiligten Menschen zufrieden sind. Im Rahmen der Konsolidierung ist wichtig, dass wir offen für Neues und gleichzeitig kritisch gegenüber Vergangenem und auch Liebgewonnenem sind. Wir beleuchten jede Ecke und sehen so, wie wir nachjustieren können und müssen. Wenn wir diese Hausaufgaben machen und auch die auf dem Platz sowie in der strategischen Kaderplanung erfüllen, stellen wir uns ligaunabhängig zukunftsfähiger auf.

… die neue Doppelspitze der Akademie:

Björn Müller und Sasan Gouhari machen beide einen sehr guten Job, sind sehr engagiert! Björn bringt mit seiner Expertise von außen frischen Wind rein, führt verschiedene Kommunikationsformate innerhalb der Organisation ein. Es geht dabei immer darum, spielerzentriert zu arbeiten, und um die Entwicklung von jungen Menschen, von denen wir uns erhoffen, dass sie irgendwann auch einmal in einem solchen Trainingslager dabei sind. Das forcieren die beiden, wir justieren an der einen oder anderen Stelle nach und denken dabei über die Profis hinaus alle Bereiche mit – auch die der Mädchen und Frauen. Es gibt viel Koordinierungsaufwand, der aber großen Spaß macht.

Dr. Peter Görlich in einer Medienrunde in Lagos.

… Kennet Eichhorn:

Es geht zuallererst um diesen jungen Menschen, der auch eine Familie um sich hat. Eltern, die freudig, aber auch besorgt auf so einen Jungen schauen. Diese Interaktion zu koordinieren und verantwortungsvoll mit diesem jungen Menschen umzugehen, ist unsere Aufgabe. Wir möchten so viel Hilfe wie möglich zur Verfügung stellen, um dieses große Talent auf ein höheres Niveau zu bringen. Kennys Weg zeigt, dass wir mutig und als Organisation in der Lage sind, jungen Spielern Entwicklungspläne an die Hand zu geben, denen wir gerecht werden. Das ist der entscheidende Punkt und ein Ausdruck der Qualität der Akademie und unseres gesamten Staffs. Alle dürfen stolz darauf sein, was dort passiert ist. Und jetzt schaffen wir diesem jungen Menschen in allen Bereichen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und zu entfalten.

… das Wintertransferfenster & personelle Planungen:

Zug um Zug, das ist weiterhin das Thema. Wir wollen uns konsolidieren, wissen, wo wir herkommen und welche Aufgaben wir vor der Brust haben. Wir müssen vernünftig sein. Das, was wir hier sehen, bestätigt uns auch darin, dass wir diesem sehr guten Kader vertrauen, der verschiedene Charaktere und Stärken aufweist, die sich auch weiterentwickeln und ihr Spiel anpassen. Wir sehen deshalb keinen großen Handlungsbedarf. Natürlich beschäftigen wir uns aber fortlaufend mit Kaderstrukturen: Wie sehen die aus, wenn wir unser großes Ziel erfüllen? Wie, wenn wir in irgendeiner Form straucheln? Dass in den einzelnen Fällen beide Seiten Situationen immer wieder neu bewerten, sind völlig normale und laufende Prozesse in den strategischen Planungen. Man gibt sich in diesem Business immer wieder Treuebekenntnisse auf Zeit, das darf man nie vergessen. In dieser Zeit versuchen wir alle, optimale Leistungen zu bringen. Ein Verein wie Hertha ist nicht in der Lage, einfach per Schnipser seine Wunschelf aufzustellen. Wir orientieren uns am Markt, müssen schauen, wie wir uns positionieren, was sinnhaft ist und welche Türen wir auch für die eigene Akademie öffnen können. 

… den Rückrundenstart:

Unser Anspruch ist, Spiele zu gewinnen. Natürlich gibt es eine spezifische Vorbereitung auf einzelne Gegner, aber grundsätzlich ist uns relativ egal, wer da kommt, es beeinflusst nicht unsere Denke. Wir wollen eine Heimmacht sein und haben ein klares Ziel: 15:30 Uhr. Dazu müssen wir Leistung bringen. Ich glaube nicht, dass Ende Februar hinreichen wird, um eine klare tabellarische Tendenz zu erkennen. Dafür sind zu viele Punkte zu vergeben. Als Fußballclub, als Mannschaft leben wir im Hier und Jetzt. Wir bereiten uns intensiv auf die erste Partie im neuen Jahr vor, die wir natürlich gewinnen wollen. Wir haben klare Ziele, für die wir sehr, sehr hart arbeiten und als Team optimal funktionieren müssen.

von Konstantin Keller