
Metamorphose
Die vergangenen Wochen und Monate stellten die bislang wohl vielversprechendsten in der nach wie vor noch jungen Karriere des Linus Gechter dar. Das verrät im Trainingslager unserer Jungs an der portugiesischen Algarveküste allein schon die Körpersprache des 21-Jährigen – gerader Rücken, ausgestreckte Brust, aufrechter Kopf. Mit seinen Aktionen auf dem Platz untermauert der Abwehrspieler das hinzugewonnene Selbstbewusstsein: Mal präsentiert unser Eigengewächs die moderne Klaviatur des Defensivspiels, mal geht der 1,91-Meter-Hüne aber auch ganz rigoros zu Werke. Ähnlich verhält sich der gebürtige Hauptstädter abseits des Rasens, wo er ebenso locker wie geradlinig daherkommt. Berliner Junge eben. Klare Worte fand der Herthaner auch im Gespräch mit Redakteur Erik Schmidt. „Ich bin sehr zufrieden“, verrät unsere Nummer 44 rückblickend auf das vergangene Jahr.

So viel Spielzeit wie noch nie in einer Halbserie
Gechter hatte von Februar an lediglich vier Pflichtspiele verpasst – drei davon aufgrund von Sperren. In der laufenden Saison stand der Blau-Weiße bei wettbewerbsübergreifend 17 Einsätzen stets in der Startelf. Vorbei die Zeiten, als den Rechtsfuß immer wieder körperliche Probleme zurückgeworfen haben. „Ich schätze es sehr, wenn ich gesund bin und tue viel dafür, dass das so bleibt. Fleißig bin ich aber schon immer gewesen und habe auf bestimmte Dinge wie die Ernährung geachtet“, unterstreicht der Akademieabsolvent, der 2015 zu unserer Alten Dame gekommen war und 2021 schließlich sein Profidebüt gegeben hatte. Auf so viel Spielzeit wie in der jüngsten Hinrunde, nämlich 1.445 Minuten, brachte es Gechter dabei noch nie innerhalb einer Halbserie. Ein klares Indiz dafür, dass dem Herthaner der nächste Schritt in seiner Entwicklung, hin zum Stammspieler und Leistungsträger, gelungen ist. „Es war wichtig, endlich so richtig in Tritt zu kommen und die Verletzungen komplett hinter mir zu lassen. So konnte ich mir Wettkampfpraxis erarbeiten, wichtige Erfahrungen sammeln und in meinen Auftritten immer sicherer werden. Daran will ich künftig anknüpfen“, betont die Nummer 44.

Die Positionsfrage
Einen entscheidenden Anteil an Gechters Vorwärtskommen besitzt auch Chefcoach Stefan Leitl. „Ich habe durch ihn gelernt, in bestimmten Situationen auf die Zähne zu beißen. Dafür bin ich ihm dankbar“, erklärt das Eigengewächs und fügt hinzu: „Er hat mir außerdem immer vertraut. Wenn ich fit war, habe ich gespielt.“ Allerdings zuletzt nicht immer in gewohnter Rolle, sondern vermehrt auch rechts hinten. „Ich bin Innenverteidiger – das ist meine Position“, stellt Gechter unmissverständlich klar, gibt aber gleichermaßen zu: „Nichtsdestotrotz hat mir die Herausforderung gutgetan, etwas Neues kennenlernen und adaptieren zu müssen. Das macht mich in meiner Spielweise noch flexibler.“ In Folge des ersten Saisonsiegs bei Hannover 96 verzichtete unser Übungsleiter im Zentrum seiner Hintermannschaft auf Veränderungen. „Ich konnte das verstehen und war froh, dass mich der Trainer trotzdem unbedingt auf dem Platz haben wollte“, erzählt Gechter, der in Niedersachsen wegen einer gelb-roten Karte nicht zur Verfügung gestanden hatte. So schob der Fußballlehrer seinen Schützling also erstmals nach außen.

Winkler, Maldini & Vaterfreuden
Die Bahn beackerte der zweikampfstarke und spielintelligente Defensivspezialist dort abwechselnd mit den offensiveren Fabian Reese und Marten Winkler. „Die zwei sind enge Freunde von mir. Es hat jeweils richtig gut funktioniert“, sagt Gechter, der speziell mit Letzterem neben dem Feld ein unschlagbares Duo abgibt. Beide teilen im in Hotels stets ein Zimmer und sind darüber hinaus für jeden Spaß zu haben. Die notwendige Seriosität im Kerngeschäft, dem Fußball, leidet darunter jedoch nicht. Unsere Nummer 44 beherrscht es äußerst gut, den Fokus im entscheidenden Moment zu schärfen. „Auf dem Platz versuche ich, Verantwortung zu übernehmen und viel von hinten anzuleiten. Die Jungs sollen sich auf mich verlassen können“, erklärt Gechter, zu dessen Vorbildern Paolo Maldini zählt. „Ein überragender Spieler, extrem fresher Typ und Playboy zugleich“, begründet der Berliner und offenbart damit in gewisser Weise auch seinen Sinn für die schönen Dinge im Leben. Gleichzeitig bedeuten Familie und Loyalität dem frischgebackenen Vater alles. „Ich trage jetzt Verantwortung für einen Menschen. Das ist ein ganz besonderes Gefühl, das ich mag und mir immer gewünscht habe. Ich bin sehr stolz und an dieser Rolle schon gewachsen. Mit Sicherheit werde ich daran auch noch weiter wachsen“, berichtet der Abiturient.

Nationalmannschaft als Ansporn
Wie im Privaten ist Gechters Reifeprozess – die Metamorphose vom Bubi zum Mann – auch im Sportlichen kontinuierlich im Gange. „Ich bin noch immer ein junger Spieler“, sagt der Auswahlakteur des DFB, der zuletzt nach zweijähriger Abstinenz sein Comeback bei der U21 gefeiert hatte. „Ich hoffe, dass ich den Weg noch weitergehen kann. Die Nationalmannschaft ist ein riesiger Ansporn“, betont der Blau-Weiße, in dessen Bilanz bislang 74 Pflichtspiele und drei Treffer mit der Fahne auf der Brust stehen. Ansporn für weitere Entwicklungsschritte, die in 2026 folgen sollen. „Das Wichtigste ist, gesund und fit zu bleiben. Obendrein möchte ich viel spielen und der Mannschaft so gut wie möglich helfen“, unterstreicht der Herthaner. Die Grundlage dafür legt er gerade im Trainingslager.