
Profi-Premieren in Portugal
Es entwickelte sich zu einem bewährten Bild im Trainingslager unserer Blau-Weißen an der Algarveküste: Während sich die etablierten Profis nach den schweißtreibenden Einheiten längst auf den Weg zur Dusche gemacht hatten, räumten Soufian Gouram und Kian Todorović die zuvor benötigten Arbeitsmaterialien zusammen. Eine Aufgabe, die für gewöhnlich den jüngsten Akteuren eines Teams zukommt. „Das ist bei den Nachwuchsmannschaften nicht anders“, erklärt der 18-jährige Todorović im Gespräch mit Redakteur Erik Schmidt. Der 19-jährige Gouram fügt augenzwinkernd hinzu: „Es kommt außerdem auch schonmal vor, dass wir den älteren Spieler einen Shake zubereiten.“ Langeweile plagte die beiden Eigengewächse, die in Portugal ihr erstes Übungscamp mit den Profis absolvierten, so jedenfalls nicht.

Vom Kofferpacken & Weckerklingeln
Die erste Herausforderung gab es schließlich noch im heimischen Berlin zu bewältigen: Kofferpacken. „Ich habe dazu eine halbe Stunde mit Eliyas Strasner telefoniert, am Ende hatte ich aber gar nicht so viel dabei“, verrät Gouram. „Das Wichtigste waren natürlich die Fußballschuhe. Ich habe dreimal überprüft, ob ich sie auch tatsächlich eingesteckt habe“, unterstreicht Todorović. Bei der Anreise hatten die beiden Youngster dann davon erfahren, dass sie sich im Hotel ein Zimmer teilen dürfen. „Das hat uns natürlich gefreut, denn wir kennen uns schon lange“, erzählt Gouram, der grinsend die einzige nervige Eigenschaft seines Kumpels mitteilt: „Er stellt seinen Wecker immer eine halbe Stunde früher, um nochmal die Schlummertaste drücken zu können. Das ergibt für mich keinen Sinn.“ Nichtsdestotrotz wirkten die beiden Akademieabsolventen unzertrennlich.

Schwere Beine
In der freien Zeit zwischen den anstrengenden Sessions regenerierten die Blau-Weißen gemeinsam und werteten dabei auch das Geschehen auf dem Rasen aus. „Natürlich sind die Beine ein bisschen schwer, aber das gehört dazu. Die Intensität ist insgesamt ein andere. Auf dem Platz geht es wirklich um alles, daran muss man sich erst gewöhnen“, stellt Gouram fest. Todorović betont zudem: „Was Vor- und Nachbereitung sowie die Bedingungen betrifft, ist alles noch viel professioneller. Ich würde aber sagen, dass wir uns schnell integriert haben und mithalten können.“ Das Trainerteam nahm sich die Talente derweil mehrfach zur Seite, um sich von ihren technischen Fertigkeiten zu überzeugen. „Man merkt, dass sie uns helfen wollen. Wir haben gutes Feedback bekommen, das motiviert natürlich“, sagt Gouram. Und auch die Teamkollegen unterstützten bei der Akklimatisierung. „Sie haben uns top aufgenommen, geben uns Tipps, loben uns, weisen uns aber auch auf Fehler hin“, berichtet Todorović.

Gouram bei der U23 mit starkem Start im Erwachsenenbereich
Apropos Teamkollegen: Gouram nutzte die Gelegenheit, um sich etwas von Paul Seguin abzuschauen. „Er spielt auf meiner Position. Deswegen achte ich sehr auf ihn, seine Vororientierung und die Räume, in denen er sich bewegt. Ich habe selten einen Spieler live gesehen, dessen Basics so gut sind“, bringt der spielintelligente estnische U21-Auswahlakteur seine Bewunderung für unsere Nummer 30 zum Ausdruck. Gouram selbst war erst mit Beginn dieser Saison in den Erwachsenenbereich aufgerückt und hatte es in der Hinrunde auf 13 Einsätze und zwei Tore für unsere U23 in der Regionalliga Nordost gebracht. „Ich bin relativ überrascht, dass ich so gut Fuß gefasst habe“, gibt der Linksfuß, den alle nur ‚Jojo‘ nennen, zu. In der U19 hatte den gebürtigen Berliner, der erstmals von 2015 bis 2017 mit der Fahne auf der Brust aufgelaufen war und inzwischen wieder seit 2019, eine langwierige Schambeinentzündung ausgebremst. „Am Anfang gab es die üblichen Anpassungsprobleme. Aber ich habe dann schnell getroffen – das hat natürlich für Akzeptanz gesorgt. Unter dem Strich bin ich wirklich dankbar für das letzte halbe Jahr, in dem ich viel gelernt habe“, unterstreicht der Herthaner, der auch aus Lagos fast täglichen Kontakt mit U23-Coach Rejhan Hasanović gepflegt hatte.

Todorović: Immer weiter bergauf nach langer Leidenszeit
Was die gesundheitliche Vorgeschichte anbelangt, besteht eine Parallele zu Todorović. Der dribbelstarke türkische U19-Nationalspieler hatte sich zwei Jahre lang mit schweren Verletzungen herumgeplagt. „Seit dem Sommer bin ich aber wieder komplett im Training und habe viel Spielzeit sammeln können. Dem Knie geht es wirklich top, es fühlt sich stabil an – ich verspüre zum Glück keine Probleme mehr“, erzählt der gebürtige Berliner, der noch zur Schule geht und in der laufenden Spielzeit bislang wettbewerbsübergreifend 14 Mal (zwei Treffer) für unsere U19 zum Zuge kam. „Es waren gute und weniger gute Auftritte dabei, so selbstkritisch muss ich sein. Das ist nach der langen Pause aber normal. Insgesamt geht es immer weiter bergauf. Ich habe großen Spaß daran, wieder mit der Mannschaft auf dem Feld zu stehen, Tore zu schießen und Spiele zu gewinnen“, betont der Blau-Weiße, der 2015 zu unserer Alten Dame gewechselt war und sich in Portugal regelmäßig telefonisch mit U19-Übungsleiter Ante Čović sowie den beiden Übergangstrainern Michael Hartmann und Dirk Kunert ausgetauscht hatte.

Einsatz im Test gegen belgischen Erstligisten
Den Lohn für ihre Arbeit an der Algarveküste kassierten die Bubis von Stefan Leitl dann schließlich noch in Form ihres ersten Testspieleinsatzes bei den Profis. Der Fußballlehrer hatte den Youngstern im Duell mit Standard Lüttich dadurch zu einer weiteren Premiere verholfen. „Nun will ich natürlich dranbleiben und auch in Berlin so oft wie möglich oben mittrainieren“, blickt Gouram voraus. Todorović formuliert seine Ziele wie folgt: „Gesundheit ist das Wichtigste. Darüber hinaus möchte ich mich körperlich und mental weiterentwickeln, noch professioneller arbeiten und viele Erfahrungen sammeln.“ In der zurückliegenden Woche waren das bereits zahlreiche – und zwar weit über das Zusammenräumen der Trainingsmaterialien hinaus.