
Dieser Moment, als ich Herthaner wurde
War es der erste Schal, den eure Eltern euch auf dem Weg zum Spiel gekauft haben? War es der erste durchs Olympiastadion hallende Hertha-Fangesang, der euch nachhaltig beeindruckt hat? Oder doch die Kunststücke einzelner Blau-Weißer auf dem grünen Rasen – von Ete Beer über Marcelinho bis hin zu Marko Pantelić? Jede Herthanerin und jeder Herthaner hat einen eigenen Weg in unsere blau-weiße Familie. Gemeinsam mit der Sparda-Bank Berlin sucht unser Hauptstadtclub genau diese Geschichten – diesen Moment, als ihr Herthaner geworden seid.
Vogelgezwitscher und Meeresrauschen im Hintergrund: Ivo Pietzcker und Jeremias Bachmann sitzen am Strand in Sierra Leone, als sie ihre Geschichte erzählen. In den vergangenen fünf Monaten sind die zwei Freunde mit dem Fahrrad bereits durch vierzehn verschiedene Länder geradelt. Ivo ist 23 Jahre alt und in Berlin-Friedrichshain geboren. Im Sommer 2025 beendete er sein Bachelorstudium in Politikwissenschaften. Der 24-jährige Jeremias kommt aus Grabs in der Schweiz und erwarb ebenfalls im vergangenen Juni seinen Hochschulabschluss in Biologie. Ausgestattet mit einer Hertha-Fahne am Rad haben die beiden ein Ziel: Von Berlin ins südafrikanische Kapstadt – 20.000 Kilometer auf dem Drahtesel.
Wie aus vier Radlern zweieinhalb wurden
Jeremias und Ivo lernten sich 2020 direkt nach ihrem Abitur in Kenia auf einem Lehrgang zum Safariguide kennen. Nachdem sie dort von einem Südafrikaner gehört hatten, der von Kapstadt nach Kairo gelaufen war, reifte bereits die außergewöhnliche Idee in ihnen. Obwohl sich ihre Wege anschließend trennten, hielten sie Kontakt - und dabei an der Überlegung fest. Die Jungs fingen zunächst jeweils ein Studium an: Jeremias im schweizerischen und Ivo im deutschen Freiburg. Rund anderthalb Jahre vor dem geplanten Aufbruch begannen die konkreten Vorbereitungen. Ursprünglich war die Reise zu viert geplant. Ein Freund hat mittlerweile eine Familie und musste deshalb passen. Der Vierte im Bunde ist Luca. Er unterstützt Jere und Ivo aus der Heimat. Die zertifizierten Safariguides schicken ihre Fotos und Videos nach Deutschland, wo der Medizinstudent alles schneidet. Bei ihrer Rückkehr wollen sie dem Exil-Herthaner einen Kasten Bier ausgeben. Zu Weihnachten hatten sie dem in Mannheim studierenden Kumpel bereits Karten und eine Bierpauschale für das Auswärtsspiel Ende Januar in Karlsruhe geschenkt.

Besser spät als nie
Die Leidenschaft für unseren Hauptstadtclub stellt eine entscheidende Verbindung zwischen den Freunden dar. Ivo ist seit frühen Jahren eingefleischter Fan unserer Alten Dame. Eine seiner ersten blau-weißen Erinnerungen sind lange Autofahrten mit der Familie, bei denen das Spieltagsradio lief. Gemeinsam mit seinem Vater und seinem älteren Bruder besuchte der Friedrichshainer schon als Kind das Olympiastadion. Die Saison 2008/09 ist die erste, an die sich der 23-Jährige erinnern kann. Spätestens ab der Zweitligaspielzeit 2010/11 ging die Familie regelmäßig ins weite Rund. Im April 2011 stand in Duisburg das erste Auswärtsspiel an. Jeremias ist hingegen ein „Hertha-Fan in Kinderschuhen“, ließ sich von der Begeisterung seines Kumpels anstecken. Vor Reisestart erlebte er Ende August sein erstes Heimspiel im Olympiastadion. Trotz einer Niederlage gegen Elversberg entdeckte der 24-Jährige sein blau-weißes Herz.
Logischerweise verpassen die beiden nun auch unterwegs kein Spiel – die Auftritte unserer Jungs laufen entweder im Radio oder bei ausreichendem Internetempfang auf dem Handy im Stream. Die Bachelorabsolventen legen ihre Pausen meist so, dass sie die Spiele entspannt verfolgen können. Sportevents sind allgemein recht ausschlaggebend für die Fahrzeiten der Jungs. Morgens American Football, mittags dann die Alte Dame. Für wichtige Spiele schlagen sie ihr Zelt da auf, wo der beste Empfang ist.

Eine blau-weiße Fahne im Wind
Mit der Fahne am Rad werben die Jungs auf ihrem Weg kräftig für unseren Verein. Dazu erklärt Ivo mit einem Schmunzeln: „Wir spielen zweite Liga und waren so lange nicht mehr international unterwegs. Die Fahne soll endlich mal wieder etwas von der Welt sehen.“ Auf das Stück Stoff werden die Blau-Weißen oft angesprochen. Zu Beginn in Europa vor allem noch von Deutschen. Seit sie Afrika erreicht haben, müssen sie meist erst einmal verraten, um welchen Club es sich genau handelt. Was mittlerweile eine Art Markenzeichen ist, entstand aus einem sehr spontanen Einfall. Ivo bekam die Fahne von einem Freund kurz vor Abreise geschenkt. Am Anfang musste er sich daran gewöhnen, sie beim Aufsteigen nicht vom Drahtesel zu treten. Nachdem die Holzstange mehrmals zerbrochen war, wurde der 23-Jährige kreativ und ersetzte sie mit einem Stock aus der Natur. Zwei Mal dachten die Herthaner sogar schon, dass die Fahne verloren gegangen wäre. Durch unsere auffälligen Farben konnten sie sie aber jeweils retten.
Digitales Tagebuch: Was ist eigentlich ‚Biru Biru‘?
Besondere Aufmerksamkeit erfährt die Fahne auch in den sozialen Medien, wo die Jungs ihre Reise dokumentieren. Als Hertha im DFB-Pokal gegen den 1. FC Kaiserslautern spielte, starteten die Hochschulabsolventen einen Aufruf auf ihrem Instagram-Account: “Sollte Hertha gewinnen, fahren wir jeden gelaufenen Kilometer der Spieler am nächsten Tag durch die Sahara-Wüste.” Gesagt, getan: 123 Kilometer lief die Mannschaft im Achtelfinale, 123 Kilometer fuhren die zwei am darauffolgenden Tag. Ivo hatte sich vor der Partie ohnmächtig gefühlt und wollte seine Mannschaft motivieren: „Ich kann nicht im Stadion sein, ich muss jetzt alles tun, was in meiner Macht steht. Vielleicht war das auch ein bisschen Aberglaube. Mein Vater hatte früher auch seine Rituale vor wichtigen Spielen.“ Selbst Toni Leistner kommentierte: „Hut ab.“ Auch andere Profis reagierten mehrmals auf Stories und Beiträge. Der ‚Biru Biru‘-Kanal ist in erster Linie ein eigenes digitales Archiv für die Reisenden. Seit November 2024 kann man die zwei Jungs auf ihrer Reise und der Vorbereitung dazu begleiten. Das Dokumentieren brachte ihnen bereits einige Fans ein. Ihr bekanntestes Video hat über eine Million Aufrufe. Auf dem Clip ist ein kleines Kind zu sehen, das Ivo nach seinem ‚1892‘-Tattoo fragt. Die Kommentarspalte ist blau-weiß. Der Name ihres Instagram-Accounts stammt im Übrigen aus ihrer gemeinsamen Kenia-Zeit. Damals hatten sie einen Italiener kennengelernt. „Er hat das mantraartig immer wieder vor sich hingesagt. Für ihn bedeutete es: Keinen Stress und keine Sorgen machen, alles wird gut“, erklärt Jeremias. Für die beiden Herthaner ist es das Motto der Reise.
Robinson Crusoe und der gefangene Rochen
Wie gut dieses Motto passt, zeigen unterschiedliche Anekdoten vom Trip. Auf ihrer Reise trafen Ivo und Jeremias schon auf viele verschiedene Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Besonders die Gastfreundschaft dürfte ihnen im Kopf bleiben. In Safi, Marokko, lud sie ein anderer Radfahrer zu sich nach Hause ein, um dort eine Nacht zu verbringen. Als sie bei ihm ankamen, wartete er mit seiner ganzen Familie und voll gedecktem Tisch auf die Jungs. In gebrochenem Englisch unterhielten sich Ivo und Jeremias mit ihnen. Eine neue Erfahrung: In Europa ist so eine Gastfreundschaft seltener. Auch die Länder an sich faszinieren sie. In Mauretanien überwältigte die Bachelorabsolventen die Natur in der Wüste, vor Guinea-Bissau strandeten sie für eine Woche auf einer kleinen Insel. Das Boot fährt nur einmal in der Woche hin. „Das war so ein bisschen wie bei Robinson Crusoe. Wir haben auch selbst versucht, Fische zu fangen. Am Ende hat es nur für einen Rochen gereicht“, erzählt Jeremias lachend.

Das große Ziel
In Marokko starteten die Radler zudem einen Fundraiser. In Südafrika, wo ihr Ziel liegt, ist der Junge Mphilo seit seiner Geburt behindert. Für die daraus resultierenden Krankenhausrechnungen wollen Jere und Ivo bis zum Ende ihrer Tour 8.000 Euro auftreiben, mit Glück können sie ihn dann sogar besuchen. Gefunden haben sie den kleinen Jungen über das Entwicklungsprojekt von Jeremias Eltern. Das Ende der Reise ist für Juli geplant. In der Zeitplanung sind sie aber sehr flexibel. Die Länder, die sie auf ihrer Tour durchfahren, werden sie wahrscheinlich nie wieder sehen. Deswegen legen die beiden Jungs den Fokus auf Genießen, statt ständig einem strikten Zeitplan hinterherzurennen. In Kapstadt ist zum Abschluss ein kleiner Urlaub geplant. Mit Glück kommen parallel zur Ankunft Freunde in die südafrikanische Stadt, ehe es per Flieger zurück nach Europa geht. Die Fahrräder kommen im Karton mit. Die blau-weiße Fahne findet bestimmt einen Platz im Handgepäck.