
„In so einem Moment macht alles Sinn“
Svenja Poock hielt noch einen kurzen Augenblick inne und wägte ihre Optionen ab. Dann zog die Herthanerin dynamisch an ihrer Rostocker Gegenspielerin vorbei, fokussierte sich auf ihr Ziel und beförderte den Ball mit einem Linksschuss ins Netz. Beim anschließenden Torjubel sank sie auf die Knie und hielt kurz inne. Der erzielte 4:0-Endstand beim Heimsieg gegen den F.C. Hansa krönte die Rückkehr der 19-Jährigen auf den Rasen. 190 Tage hatte sie auf diesen Augenblick warten müssen. „Ich war noch nie so lange verletzt und selbst überrascht von den Emotionen. In so einem Moment macht alles Sinn, was man vorher aufgeopfert hat“, reflektiert die Mittelfeldspielerin im Gespräch mit Redakteur Konstantin Keller. Im Interview berichtet sie von ihrem Weg zurück, einen überraschenden Besuch am Krankenbett und spricht zudem über Träume und Ziel mit unserer Alten Dame.
Svenja, nach deinem Comeback in Leipzig hast du gegen Rostock im zweiten Spiel nach deiner Rückkehr direkt getroffen. Was ging dir durch den Kopf, als der Ball im Netz gelandet ist?
Poock: Zuerst habe ich mich einfach sehr gefreut, dann kam ein Moment, wo auf einmal alles von mir abgefallen ist. Während der Verletzung habe ich alles cool durchgezogen und einfach probiert, stark zu bleiben – und in so einem schönen Moment merkt man dann, dass sich alles ausgezahlt hat.
Hinter dir liegt eine lange Leidenszeit. 190 Tage vergingen zwischen der ersten Saisonbegegnung gegen Türkiyemspor, in dem du noch eine Halbzeit gespielt hattest, und der Partie in Sachsen. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Poock: Das Pflichtspiel war ja am 31. August, die Operation dann erst am 21. Oktober. In dieser Phase wusste ich noch gar nicht, wo es hingeht. Ich hatte schon länger Hüftbeugerprobleme, es kam aber nie so wirklich heraus, woran es lag. Als mein Arzt sich dann aber MRT-Bilder angeschaut hat, hat er mir direkt eine OP empfohlen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich dafür so schnell einen Termin bekommen habe.
Glück im Unglück also. Wie ging es danach weiter?
Poock: Als die Operation durch war, war jeden Tag Physio bei DaVinci angesagt, wo ich super unterstützt worden bin! Während dieser Zeit hat es sich gar nicht so lange angefühlt, es ging immer um den nächsten Schritt und die Fortschritte, die man dabei macht. Erst am Ende habe ich gespürt, wie lange es tatsächlich gedauert hat – vermutlich war ich auch deshalb so emotional beim Tor.
Welche Phasen waren auf deinem Weg zurück am schwierigsten?
Poock: Also, die Zeit auf Krücken war schon echt nervig. Ich war zum ersten Mal auf welche angewiesen und man unterschätzt das Ganze. Vor jedem Schritt muss man die Dinger in die Hand nehmen und sie fallen überall um, egal, wo man sie hinstellt. Darüber hinaus: Die Momente, in denen ich nicht wusste, welche Schmerzen in der Rehaphase normal sind. Ist das normal? Geht es wieder weg? Dauert alles doch länger? Diese Zweifel, ob alles wieder so wird, wie es einmal war – es ist nicht leicht, wenn man so viel in sich hineinhört.

Was hat dir in solchen schwierigen Momenten immer wieder Mut gemacht, weiter auf das Comeback hinzuarbeiten?
Poock: Das Ziel, solche Gefühle wie nach dem Tor gegen Rostock wieder erleben zu dürfen! Auf dem Platz zu stehen, den Ball am Fuß zu haben, im Training und beim Team zu sein. Beim Zuschauen oder einem Besuch in der Kabine merkt man als verletzte Spielerin schon, dass man das eine oder andere verpasst hat…
… wie lief denn der Austausch mit deinen Mitspielerinnen in der Zeit?
Poock: Meine besten Freundinnen spielen in der Mannschaft und haben mich alle im Krankenhaus besucht. So war der Kontakt immer da. Aber abends dann zu Hause zu sein und zu wissen, dass die anderen gerade beim Training sind – das fühlt sich einfach doof an. Umso schöner ist es, jetzt wieder dabei zu sein!
Wie hast du den Kontakt mit Trainer Tobias Kurbjuweit erlebt?
Poock: Er hat mir von Anfang an ein gutes Gefühl gegeben und direkt klargemacht, dass niemand fallen gelassen und jede auf dem Weg zurück bestmöglich unterstützt wird. Dass einem die notwendige Zeit gegeben wird. Er hat mich auch gemeinsam mit Clara Dreher im Krankenhaus besucht. Ich war in dem Moment sehr überrascht und dachte kurz, ich bin noch benommen von der Narkose, als plötzlich der Trainer am Bett stand (lacht) – aber es hat mich natürlich sehr gefreut!
Lass uns mal auf deinen bisherigen Weg bei unserer Alten Dame schauen. Du bist seit der ersten Stunde dabei, hast den gesamten Weg eures Teams mitgemacht. Wie blickst du auf die Entwicklung des Teams?
Poock: Am Anfang war vieles neu, besonders und extrem aufregend. Das alles – die Spiele für Hertha BSC, Medientermine und so weiter – ist ein wenig normaler für uns alle geworden, obwohl wir es natürlich weiterhin sehr schätzen. Als Team sind wir erwachsener geworden – sowohl von der Art, wie wir Fußball spielen, als auch in Bezug auf die Spielphilosophie und die Eingespieltheit. Wir sind auch athletischer geworden, wozu auch die Möglichkeiten beigetragen haben, die uns hier geboten werden. Insgesamt haben wir extreme Fortschritte gemacht.
Wie hast du dich selbst in diesem Zeitraum als Spielerin verändert?
Poock: Ich sehe das eben beschriebene gerade im athletischen Bereich auch bei mir selbst. Inzwischen spiele ich insgesamt erwachsener Fußball. Dabei habe ich sowohl Stärken ausbauen als auch an Schwächen arbeiten können und agiere auch auf anderen Positionen, zum Beispiel zuletzt außen, statt nur im Zentrum.
Was verändert sich auf dem Flügel für dich und was gefällt dir dieser Rolle besonders?
Poock: Ich bin eine Spielerin, die den Ball gerne am Fuß hat und viel mit ihm läuft. Deshalb glaube ich, dass die Position gut zu mir passt. Im Zentrum steht man oft mit dem Rücken zum Feld. Ich mag es, Raum vor mir zu haben und mit dem Ball Tempo aufbauen zu können. Wenn ich beispielsweise Linksaußen spiele, kann ich zudem nach innen ziehen und meinen guten Abschluss einbringen. Ich fühle mich auch im Zentrum wohl, aber ich habe Bock auf was Neues, möchte mich weiterentwickeln und flexibler einsetzbar sein!

Über deine und eure Entwicklung in den vergangenen drei Jahren hast du schon gesprochen. Was sind die schönsten Erinnerungen, die du mitgenommen hast?
Poock: Das erste Tor für Hertha BSC in einem Pflichtspiel zu schießen, war superemotional. Ich bin rumgerannt wie ein angeschossenes Kaninchen (lacht). Das werde ich niemals vergessen. Der Treffer gegen Rostock zuletzt kommt direkt danach. Ich war noch nie so lange verletzt und selbst überrascht von den Emotionen. In so einem Moment macht dann alles Sinn, was man vorher aufgeopfert hat.
In der Gegenwart seid ihr weiterhin Spitzenreiterinnen. Wie ordnest du den Start ein?
Poock: Bisher läuft alles nach Plan. Jetzt gilt es, jedes Spiel weiterhin genauso zu bestreiten: Wir wollen Dominanz zeigen und die Führung in der Tabelle so ausbauen.
Wie erlebst du die Stimmung im Team?
Poock: Wir unterstützen uns gegenseitig und jede gönnt jeder anderen ihre Einsätze, wenn wir rotieren. Insgesamt haben wir einfach eine gute Struktur. Natürlich läuft es auch gerade, wir haben eine gute Vorbereitung gespielt und sind in Form – wichtig ist, dass wir uns darauf nicht ausruhen dürfen! Die Saison ist noch lang, und es kommen anschließend ja hoffentlich noch die Relegationsspiele. Ich glaube fest daran, dass wir die erreichen werden, und dann müssen wir bereit sein.
Du sprichst das große Ziel schon an. Deshalb zum Abschluss: Was muss auf dem Weg dorthin noch besser werden, und was macht dir Mut, dass ihr es tatsächlich erreichen könnt?
Poock: Die Chancenverwertung muss insgesamt noch ein bisschen besser werden. Wir wollen unsere defensive Stabilität festigen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, Spiele für uns zu entscheiden. Insgesamt sehe ich uns aber auf einem guten Weg, auf dem wir bleiben und an die bisherigen Leistungen anknüpfen müssen. Jede will es, jede von uns ist ambitioniert, hat Träume und Ziele – die zweite Liga wäre ein erster großer und wichtiger Schritt, um denen näher zu kommen. Wir erinnern uns alle immer wieder gegenseitig daran, was unser gemeinsames Ziel ist.