Fabian Reese lehnt an einen Baum vor der Geschäftsstelle.
Profis | 17. April 2026 um 16:00 Uhr

„Würde meine Scorerwerte gerne gegen Tabellenplätze eintauschen“

Am Sonntag (19.04.26, 13:30 Uhr) geht es für unsere Herthaner nach Braunschweig. Beim bislang letzten Auftritt der Blau-Weißen dort gelang der erste Sieg überhaupt unter Chefcoach Stefan Leitl. Fabian Reese, der in neun Duellen mit dem BTSV Eintracht insgesamt neun Torbeteiligungen verbuchte, glänzte damals als Doppelpacker. Seitdem verging mehr als ein Jahr. Auf diese Zeit blickt unser Kapitän im Interview mit Redakteur Erik Schmidt zurück. Dabei spricht der 28-Jährige auch über Bücher, die Unberechenbarkeit der 2. Bundesliga und die Binde.

Fabi, es steht eine Auswärtsfahrt bevor. Welche Lektüre wird dich auf die Reise nach Braunschweig begleiten?
Fabian Reese: Mit meinem aktuellen Buch bin ich fast durch, deswegen werde ich für die Fahrt wohl ein neues anfangen. Momentan lese ich „Veronika beschließt zu sterben“ und mit „Auf dem Jakobsweg“ werde ich wahrscheinlich weitermachen. Beide sind von Paulo Coelho, einer meiner Lieblingsautoren.

Wie viele Bücher hast du seit Jahresbeginn schon gelesen und wie suchst du diese eigentlich aus?
Reese: Ich stehe jetzt schon bei ungefähr 25 Büchern, meist lese ich eins unter der Woche und eins am Wochenende – bei längeren Auswärtsfahrten auch mehr (schmunzelt). Anfangs habe ich mir meine Bücher super spontan ausgesucht. Gerade gefallen mir vor allem durchaus gesellschaftskritische Romane, Dramen, auch Familiengeschichten, bei denen man in eine andere Welt eintaucht und aus einem differenzierten Blickwinkel auf die Dinge schaut. Manchmal lasse ich mich aber auch einfach in einer Buchhandlung inspirieren – genauso von Freunden oder auf Social Media. Insgesamt bin ich da recht facettenreich.

Welches Exemplar hat dich zuletzt besonders beeindruckt?
Reese: „Für Polina“ beispielsweise von Takis Würger. Aber auch „Unverschämte Gastfreundschaft“ von Will Guidara und „Offene See“ von Benjamin Myers kann ich absolut empfehlen. 

In Christoph Kramer hat sich jüngst ein ehemaliger Fußballprofi als Autor probiert. Ist das etwas, dass du dir auch irgendwann einmal vorstellen könntest?
Reese: Auf jeden Fall – sag niemals nie! Mich interessiert das ganze Literaturthema definitiv, deswegen setze ich mich damit auch auseinander. Ich könnte mir zum Beispiel etwas für Kinder ganz gut vorstellen. Als kleiner Junge habe ich schon viel gelesen, das hat mir geholfen. Die Welt wird immer digitaler. Umso mehr kommt es darauf an, die junge Generation für analoges Lesen und spannende Themen zu motivieren – nicht immer nur Goethes „Faust“, was für Jugendliche vielleicht etwas zäh ist (lacht).

Fabian Reese im Gespräch.

Lass uns ein wenig den Bogen zu Hertha spannen. Welcher Titel wäre aus deiner Sicht passend für einen Roman über die bisherige Spielzeit unserer Alten Dame?
Reese: … (überlegt lange) Vielleicht „Die Reise mit Höhen und Tiefen – und die Suche nach dem Glück“.

Du deutest es an: Die laufende Saison ist gekennzeichnet von Aufs und Abs. Wie erklärst du dir diesen achterbahnähnlichen Verlauf?
Reese: Die zweite Liga ist grundsätzlich sehr eng beieinander. Außerdem hatten wir – durch Verletzungen und Sperren – häufig eine gewisse Fluktuation in der ersten Elf. So konnten wir eigentlich nie dauerhaft mit der gleichen Aufstellung spielen, was aber keine Ausrede sein soll. Unter dem Strich ist es uns nicht gelungen, über einen längeren Zeitraum konstant zu punkten und – abgesehen von der einen Phase – ungeschlagen zu bleiben. Darüber hinaus haben wir es zu oft verpasst, die Spiele zu ziehen, in denen ein vermeintlicher Tabellensprung möglich war.

Du kennst die 2. Bundesliga sehr gut, hast schon fast 250 Einsätze bestritten. Warum ist diese Spielklasse so unberechenbar?
Reese: Ich würde sagen, dass die Leistungsspanne deutlich schmaler als in der ersten Liga ist. Vor der Saison gibt es stets viele Favoriten und am Ende tauchen trotzdem immer auch Mannschaften ganz oben auf, die man dort gar nicht so erwartet hätte. Der Zweite kann jederzeit gegen den Vorletzten verlieren, im Prinzip hat jeder Spieltag zwei, drei Überraschungen zu bieten – das ist in der ersten Liga deutlich seltener der Fall. Unberechenbar trifft es also ganz gut. Vielleicht resultiert das auch daraus, dass die Unterschiede in den Budgets kleiner sind und gerade in der zweiten Liga gezeigt wird, wie man beispielsweise mit einer guten Spielidee sowie Newcomern überzeugen kann. Gleichzeitig sieht der Fußball etwas anders aus als in der ersten Liga, Standards entscheiden viele Spiele. Mannschaften, die tief stehen und kontern, können sehr erfolgreich sein.

Vergangene Saison habt ihr am 26. Spieltag – also zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie nun wieder – beim BTSV Eintracht gastiert. Es folgte ein fulminanter 5:1-Sieg, der erste Erfolg unter Stefan Leitl. Wie bewertest du eure Entwicklung als Mannschaft seitdem?
Reese: Der Trainerwechsel kam in einer sehr schwierigen Phase. Wir haben uns dann stabilisiert, aus dem Strudel befreit und die Saison gerettet. Anschließend sind wir mit viel Energie und Vorschusslorbeeren in die neue Spielzeit gestartet. Der Auftakt verlief nicht gut, dann folgten zahlreiche Siege im Herbst, vor und nach Weihnachten haben wir wieder unnötig viele Punkte liegengelassen, um einen weiteren kleinen Lauf hinterherzuschieben. Alles in allem haben aber die entscheidenden Nuancen gefehlt, um auf den ersten drei Plätzen zu stehen. Wir sind leider nie über die Rolle des Jägers hinausgekommen.

In dem angesprochenen Duell hast du als Teil einer Doppelspitze mit zwei Toren geglänzt. Inzwischen bist du längst wieder zurück auf dem Flügel, von wo aus du nicht nur neun Treffer erzielt, sondern auch zwölf und damit Stand jetzt ligaweit klar die meisten Vorlagen geliefert hast. Wie blickst du auf den Positionswechsel und deine persönlichen Scorerwerte?
Reese: Wir sind ja ursprünglich mit einem anderen System in die laufende Saison gegangen, haben auch da noch mit zwei Spitzen und ohne klassische Flügel gespielt. Die Ergebnisse sind aber ausgeblieben, bis wir zum Hannover-Spiel umgestellt und dort auch 3:0 gewonnen haben. Außenbahn und Sturm sind zwei verschiedene Aufgaben, die mir beide Spaß machen. Das damals war auf jeden Fall ein gutes Spiel. Obwohl ich zunächst nicht unbedingt ganz vorne spielen wollte, hat das ganz ordentlich geklappt (strahlt). Es ist immer gut, wenn man verschiedene Positionen spielen kann. Grundsätzlich finde ich, dass ich auf Linksaußen am besten aufgehoben bin. Am Ende liegt der persönliche Gradmesser für einen Offensivspieler immer darauf, dem Team mit Toren und Vorlagen zu helfen. Ich habe schon vor ein paar Wochen gesagt: Zahlen lügen nicht. Darum ehrt es mich natürlich, bei den Scorerpunkten mit ganz oben zu stehen. Unsere Saison war sicherlich nicht goldig, aber persönlich bin ich stolz auf diese Werte. Ich würde sie aber gerne gegen Tabellenplätze eintauschen.

Fabian Reese bejubelt einen Treffer.

Du hast in dieser Spielzeit erst ein einziges Mal gefehlt. Wie froh bist du, dass dein Körper nach einer etwas herausfordernden Phase wieder so gut funktioniert?
Reese: Ich bin unheimlich froh darüber, bislang verletzungsfrei durch die Saison gekommen zu sein! (klopft auf Holz) Jeder Fußballer weiß, dass eine Verletzung das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Es handelte sich vergangene Saison ja um einen äußeren Einfluss, der für eine doppelte OP und eine lange Leidenszeit gesorgt hat. Davor kann man sich schlecht schützen. Nichtsdestotrotz betreibe ich nach wie vor viel Prävention, Vor- und Nachbereitung, um den Körper, den Tempel, bestmöglich in Schuss zu halten.

Bei der erwähnten Partie musstest du übrigens wegen einer Gelbsperre aussetzen. Zuvor war das bisher nur in der Saison 2018/19 vorgekommen.
Reese: (unterbricht grinsend) Ja, damals war ich noch bei Fürth und habe das Spiel in Köln verpasst.

Gutes Erinnerungsvermögen! Mehr als die fünf Verwarnungen sind es damals auch nicht geworden. Aktuell stehst du bei sechs. Hängt diese Tatsache eventuell auch mit deiner seit vergangenem Sommer neuen Rolle als Kapitän zusammen?
Reese: Ich würde sagen, dass davon nur drei Fouls wirklich gelbwürdig waren – der Rest wäre vermeidbar gewesen. Viel wichtiger ist oftmals aber ohnehin die Message, die man damit für das Team und die Spieldynamik erzielen möchte. Wir hatten viele emotionale Spiele. Als Kapitän muss man in diesen Momenten vorangehen und auch mal ein Zeichen setzen.

Die erste Saison in diesem Amt neigt sich dem Ende entgegen. Wie viel bedeutet dir die Binde?
Reese: Ich bin dafür unglaublich dankbar! Es ist eine unfassbare Ehre, von einem so großen Club der Kapitän sein zu dürfen und darüber hinaus eine sehr spannende Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Dieses Amt hat mein Leben verändert und mich sehr viel lernen lassen. Man ist noch viel mehr Teamplayer als ohne Binde, wächst aber auch mit der Aufgabe und sieht die Gruppe aus einer ganz anderen Perspektive. Die äußere Wahrnehmung der eigenen Person verändert sich ebenfalls.

Kommen wir noch einmal zurück zu jenem Roman über die laufende Spielzeit in Blau-Weiß. Der Abschluss ist bekanntlich noch offen. Wie sähe das Ende in deiner Fiktion aus?
Reese: Wir sollten das nicht mit dem Ende eines Buches vergleichen. Die nächsten fünf Spiele sind einfach sehr wichtig, wir wollen sie bestmöglich bestreiten und die Maximalausbeute einfahren. Es geht gegen Mannschaften, die unten drinstehen und ums Überleben kämpfen. Aber wir haben eben auch unsere Ziele. Ein guter Abgang ziert die Übung und bleibt in den Köpfen hängen. Deshalb ist es wichtig, dass wir am Sonntag mit einem überzeugenden Auftritt gegen einen angeknockten Gegner beginnen. Anschließend schauen wir von Spiel zu Spiel. Was drumherum passieren könnte, ist irrelevant.

von Erik Schmidt