
Vor 100 Jahren – Herthas erster Griff nach der Victoria
In der Saison 1925/26 setzt sich die Elf vom Gesundbrunnen mit 15 Siegen aus 18 Partien zunächst in einer von zwei Oberliga-Staffeln vor Tennis Borussia durch. Danach bezwingt das blau-weiße Team auch den anderen Staffelsieger Norden-Nordwest 98 im ersten Endspiel auswärts auf dem Preußen-Platz mit 7:0 und im zweiten Endspiel auf dem heimischen Hertha-Platz mit 2:1. Als Meister des VBB (Verband Brandenburgischer Ballspielvereine) qualifizieren sich die Herthaner nach 1906 und 1925 damit zum dritten Mal für die im Turniermodus mit 16 Mannschaften in neutralen Spielstätten ausgetragene Endrunde um den deutschen Meistertitel.
Der Weg in das Finale
Auf dem Preußen-Platz auf dem Tempelhofer Feld in Berlin trifft unsere Alte Dame am 18. Mai 1926 zunächst auf den nordostdeutschen Meister VfB Königsberg, den die Herthaner erst spät in der zweiten Halbzeit durch zwei Treffer von Willi ‚Bubi‘ Völker sowie Toren von Johannes ‚Hanne‘ Sobek und Erich Gülle mit 4:0 bezwingen.
Zwei Wochen später reisen die Blau-Weißen nach Zerzabelshof, einem Nürnberger Stadtteil. Im ‚Zabo‘, wie die Sportanlage genannt wird und die eigentlich seit 1913 die Heimat des 1. FC Nürnberg ist, wartet der FSV Frankfurt. Mit den Hessen, die sich als Dritter der süddeutschen Meisterschaft für diese Endrunde qualifiziert haben, gibt es noch eine offene Rechnung: Denn in der vorherigen Saison mussten sich unsere Herthaner eben diesem Gegner im Halbfinale noch mit 0:1 nach Verlängerung geschlagen geben.
Zunächst kassiert die Elf aus der Hauptstadt ein frühes Gegentor vom amtierenden Vizemeister, bevor sie ab der 30. Spielminute für einen wahren Sturmlauf sorgt und bis zur Halbzeitpause sage und schreibe fünf Treffer erzielt. Nach drei weiteren Toren der Berliner in der zweiten Spielhälfte endet das Viertelfinale nach insgesamt vier Treffern von Willi Kirsei sowie Torerfolgen von Willi ‚Bubi‘ Völker, Hans ‚Hanne‘ Ruch und Hans Grenzel hochverdient mit 8:2.

Das Halbfinale findet dann wieder in der Heimat an der Spree statt. Schauplatz ist das Deutsche Stadion, oftmals auch als Grunewald-Stadion bezeichnet. Der Gegner am 6. Juni 1926 ist der norddeutsche Vizemeister Hamburger SV, der die Victoria zuletzt im Jahre 1923 erringen konnte. Vor 45.000 Zuschauerinnen und Zuschauern sorgen Grenzel und Kirsei in der ersten halben Stunde für eine scheinbar beruhigende Führung, ehe Otto ‚Tull‘ Harder für die Hanseaten noch vor der Halbzeitpause verkürzen kann. Sobek und Ruch stellen im zweiten Abschnitt innerhalb von 180 Sekunden jedoch auf 4:1, sodass ein weiterer Treffer von Harder, der sich mit sechs Toren in drei Spielen vor Willi Kirsei mit fünf Treffern in vier Partien zum Torschützenkönig dieser Endrunde krönt, lediglich eine Ergebniskosmetik darstellt.
Mit diesem Erfolg steht Hertha BSC knapp 34 Jahre nach der Gründung als Berliner Fußball-Club ‚Hertha‘ e.V. am 25. Juli 1892 und knapp drei Jahre nach der Einverleibung in den Berliner Sport-Club e.V. als Fußball-Abteilung im August 1923 zum ersten Mal im Endspiel um den deutschen Meistertitel.
Das Endspiel
Für Hertha BSC wollen folgende Spieler die deutsche Meisterschaft nach Berlin bringen (in alphabetischer Reihenfolge der Nachnamen): Emil Domscheidt, Max Fischer, Erich Gülle, Alfred ‚Fredy‘ Götze (Torwart), Hans Grenzel, Willi Kirsei (Mannschaftskapitän), Otto Leuschner, Hans ‚Hanne‘ Ruch, Johannes ‚Hanne‘ Sobek, Karl Tewes, Willi ‚Bubi‘ Völker.
Der Austragungsort für das Endspiel um die 19. Deutsche Meisterschaft am 13. Juni 1926 ist erneut das erst im Mai 1925 eröffnete Frankfurter Stadion, wegen der Lage im Stadtwald im Süden des Stadtteils Sachsenhausen auch als Waldstadion benannt. Der Kontrahent ist der süddeutsche Vizemeister Spielvereinigung Fürth. Die Mittelfranken verfügen bereits über zwei Endspielerfahrungen aus dem Jahr 1914 mit dem Titelgewinn nach Verlängerung gegen den VfB Leipzig sowie aus dem Jahr 1920, als man gegen den 1. FC Nürnberg den Kürzeren zog.

Der Spielverlauf
Nach dem Anpfiff der Begegnung durch den aus dem sächsischen Glauchau stammenden Schiedsrichter Fritz Spranger sind gerade einmal neun Minuten vergangen, als Hans ‚Hanne‘ Ruch vor 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauern den Führungstreffer für Hertha BSC erzielt. Aber bereits nach einer knappen halben Stunde trifft der Fürther Mannschaftskapitän Leonard ‚Lony‘ Seiderer zum Ausgleich, ehe Karl Auer die Kleeblätter sogar in Führung bringt. Nach einem Missverständnis zwischen Leuschner und Torhüter Götze landet eine Rückgabe im eigenen Gehäuse und sorgt schon vor der Halbzeitpause vermeintlich für eine Vorentscheidung.
Die erste Viertelstunde der zweiten Spielhälfte steht ganz im Zeichen von Hertha BSC, doch die Fürther können sämtliche Offensivbemühungen der Berliner schadlos überstehen. Schließlich überwindet Willy Ascherl mit einem unhaltbaren Schuss den trotz der Gegentore hervorragenden Berliner Schlussmann Götze – es ist die endgültige Entscheidung gegen die nie aufsteckenden Männer von der Spree. Nach einem packenden Kampf zwischen zwei sehr starken Mannschaften kommt die Spielvereinigung Fürth durch dieses 4:1 nach zwölf Jahren zum zweiten Mal zu Meisterehren.
Nachklang
Für unsere Alte Dame ist es das erste von sechs aufeinanderfolgenden Endspielen, in denen man von 1927 bis 1929 noch weitere drei Mal den Mannschaften vom 1. FC Nürnberg (0:2 in Berlin), dem Hamburger SV (2:5 in Altona) und erneut der Spielvereinigung Fürth (2:3 in Nürnberg), die damit ihren dritten und vorerst letzten Meistertitel verbucht, jeweils unterlegen ist.

Am 22. Juni 1930 gelingt den Berlinern im fünften Anlauf mit einem dramatischen 5:4 gegen Holstein Kiel im Rheinstadion in Düsseldorf dann endlich der langersehnte Gewinn der wunderschönen Trophäe Victoria des Deutschen Fußball-Bundes. Mitte Oktober 1930 erfolgt die Trennung vom Berliner Sport-Club e.V. sowie am 5. November 1930 die Neu-Konstituierung als Hertha, Berliner Sport-Club e.V. – ohne den kurbrandenburgischen Adler des ehemaligen Partners auf den Trikots verteidigt die nach mehr als sieben Jahren wieder eigenständige Hertha am 14. Juni 1931 im Müngersdorfer Stadion in Köln den deutschen Meistertitel in einem erneut fesselnden Endspiel mit einem 3:2 gegen 1860 München.
Gegenwart
100 Jahre nach dem ersten Endspiel zwischen den beiden Traditionsvereinen aus Berlin und Fürth begegnet man sich unter gänzlich anderen Vorzeichen am 33. Spieltag der 2. Bundesliga 2025/26 im Olympiastadion am 10. Mai 2026 erneut, wobei die Gäste vom Ronhof nach deren Vereinsgründung am 23. September 1903 seit dem 1. Juli 1996 aufgrund des Beitrittes der Fußball-Abteilung des TSV Vestenbergsgreuth nun unter dem Vereinsnamen Spielvereinigung Greuther Fürth am Spielbetrieb teilnehmen.