Aurelia Haesler im H-Trikot.
Frauen | 7. Mai 2026 um 12:40 Uhr

„Diese Chance ist jeden Tag im Kopf“

Unsere 1. Frauen haben am Wochenende die Chance darauf, blau-weiße Geschichte zu schreiben. Ein einziger Zähler fehlt der Elf von Cheftrainer Tobias Kurbjuweit vor dem Duell mit dem 1. FFV Erfurt am Sonntag (10.05.26, 17:00 Uhr, Tickets hier) noch, um die erstmalige Meisterschaft in der Regionalliga Nordost zu sichern. Damit verbunden wäre die Gelegenheit, den großen Traum vom Aufstieg in der Relegation wahr werden zu lassen – und das bei der eigenen Premiere im Berliner Olympiastadion! Wie oft denkt Aurelia Haesler im Vorfeld an die kommende Partie? „Eigentlich jeden Tag“, lacht unsere Nummer 10 im Gespräch mit Redakteur Konstantin Keller. „Wenn ich überlege, was wir in den vergangenen Jahren und in dieser Saison geschafft haben – das ist alles jeden Tag im Kopf und dass wir diese Chance haben, ist schon ziemlich cool. Dass all das auch noch im Olympiastadion stattfinden wird, ist das krasseste. Wir wollen es unbedingt schaffen!“ Im Interview blickt die Mittelfeldspielerin zudem auf ihren Weg und besondere Momente mit Hertha BSC zurück.

Aurelia, am Wochenende habt ihr eine historische Chance darauf, im Heimspiel gegen Erfurt die Staffelmeisterschaft klarzumachen. Wie oft hast du seit dem Sieg beim SV Eintracht Leipzig-Süd am 26. April bereits daran gedacht?
Haesler: Eigentlich jeden Tag (lacht). Aber nicht nur an dieses Spiel und die mögliche Meisterschaft, sondern auch daran, wie gerne ich mit dem Team in der Relegation dann auch aufsteigen würde. Wenn ich überlege, was wir in den vergangenen Jahren und in dieser Saison geschafft haben – das ist alles jeden Tag im Kopf und dass wir diese Chance haben, ist schon ziemlich cool.

Wie ist jetzt, in der Woche des Spiels, dein Gefühl? Überwiegt die Vorfreude, der Fokus, vielleicht auch ein gesundes Maß an Anspannung – gerade, wo ihr erfahren habt, dass ihr am Sonntag im Olympiastadion spielen werdet?
Haesler: Anspannung ist auf jeden Fall da, Vorfreude auch. Die ist bei mir vor den Spielen grundsätzlich immer vorhanden. Es war bisher eine harte Saison, wir haben uns im Verlauf aber noch einmal sehr verbessert – fußballerisch wie athletisch. Jetzt wollen wir es unbedingt schaffen und danach auch diesen Schritt in die zweite Liga gehen! Dass all das auch noch im Olympiastadion stattfinden wird, ist das krasseste. Ich wusste es durch meine Arbeit im Stadion einige Stunden, bevor es uns als Team mitgeteilt wurde, und bin fast geplatzt. Wir haben beim Training anschließend auch darüber geredet, dass wir uns gar nicht sicher sind, ob vorher schon einmal eine weibliche Person auf diesem Rasen Fußball gespielt hat. Das ist historisch, wir waren alle sprachlos und konnten es kaum glauben. Es bedeutet uns so viel, dass wir das als Team erleben dürfen!

Aurelia Haesler im Kreis ihrer Mitspielerinnen.

Wie erlebst du deine Mitspielerinnen und die Stimmung im Team vor dieser wichtigen Woche?
Haesler: Jede Einzelne möchte das Ziel sehr, sehr doll erreichen! Gut ist, dass wir keinen Druck von außen bekommen, nur Unterstützung. Das verstärkt das Gefühl, dass wir es schaffen können. Das ist wichtig, auch deshalb glauben wir an uns selbst und gehen mit dieser Energie in die restlichen Spiele.

Lass uns die Gelegenheit auch nutzen, um mal auf deinen bisherigen Weg in unserem Trikot zu schauen. Was sind die größten Veränderungen und Entwicklungen in den drei Jahren gewesen?
Haesler: (überlegt kurz) Bei mir selbst: Körperliche Robustheit, Schnelligkeit, technische Fähigkeit und athletisches Durchhaltevermögen. Niemals aufzugeben. Und: Zu lernen, dass es nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeutet, wenn man einmal auf der Bank sitzt. Dass das normal ist und man selbst erkennt, ob es vielleicht gerade eine gute oder weniger gute Phase ist – und so auch Trainerentscheidungen besser nachvollziehen kann. Wir haben einen breiten Kader, bei uns ist jede gut und man kann uns alle spielen lassen, ohne dass das Niveau der Mannschaft sich verändert. Und das spricht für unser ganzes Team, wir haben uns alle weiterentwickelt. Dazu haben auch die vielen Spiele, gerade die Tests gegen Jungs, beigetragen. Am Anfang der Saison haben wir höher verloren, aber in der Vorbereitung auf die Rückrunde viele positive Ergebnisse eingefahren. Auch daran spürt man unsere Entwicklung!

Bleiben wir noch kurz bei diesen Tests: In welchen Bereichen habt ihr aus den Partien besonders viel mitgenommen?
Haesler: Definitiv im athletischen Bereich. Wenn Jungs einen Sprint anziehen, kommt man kaum hinterher, tiefe Bälle haben uns wenig gebracht (lacht). Also mussten wir schauen: Wie können wir andere Schwächen nutzen und die Stärken der Gegner gleichzeitig unterbinden? Kompakt bleiben, Räume konsequent engmachen, nicht draufstürmen, sondern auch mal als Ganzes fallen lassen und zusammen rausverteidigen. Das waren Sachen, die ich auch erst lernen musste und die wir als Mannschaft in diesen Partien herausgefunden haben. Jedes Spiel war dabei auch unterschiedlich, wir mussten permanent kommunizieren und haben dabei viel gelernt.

Aurelia Haesler schreibt ein Autogramm auf dem Rasen.

Neben der gemeinsamen Weiterentwicklung mit dem Team gab es auch viele besondere Momente auf deinem bisherigen Weg im blau-weißen Trikot. Welche waren die schönsten? Vielleicht, bei der vergangenen Saisoneröffnung ein Autogramm auf dem Rasen zu schreiben?
Haesler: Der kleine Junge! Das war süß, wirklich ein besonderer Moment (lacht). Wenn ich an diese Saison denke: Das Hinspiel gegen Union und das Jena-Spiel am Ende der Hinrunde. Das waren beides enorm wichtige Erfolge, die wir uns wirklich erkämpfen mussten, genauso wie den Sieg bei RB Leipzig. Ein schwieriger Platz und eine Partie, in die wir auch schwierig reingekommen sind – und dann machen wir in der zweiten Halbzeit durch Johanna (Seifert, Anm. d. Red.) noch diese zwei Dinger. Das waren Partien, die uns das Gefühl gegeben haben, dass wir enge Spiele immer noch drehen können! Neben dem Sportlichen muss ich noch das Shooting für die Kampagne zum Sondertrikot nennen, das war auch eine coole Sache. Als ich mich am Kottbusser Tor selbst auf einem Plakat gesehen habe, war das ein verrücktes Gefühl…

… neben dem Platz als Stichwort: Ihr alle investiert viel, um im blau-weißen Trikot eure Träume auf dem Rasen zu jagen, meistert Arbeit und Studium parallel zum Training. Du selbst studierst Medizin. Was sind deine Erfolgsrezepte, um deinen Alltag, deine Pflichten und dein Privatleben erfolgreich mit ambitioniertem Fußball zu vereinen?
Haesler: Ich würde sagen, dass die Freude am Sport entscheidend ist. Zum Beispiel freue ich mich immer aufs Training, es fühlt sich nicht nach einer Pflicht an. Ich lerne aktuell für mein Examen, und gerade da tut der Ausgleich durch den Fußball gut. Ich mache das seit der Schulzeit so, bin es gewohnt – auch, wenn die Zeit, die man investiert, natürlich größer geworden ist: Mehr Vorbereitung, professionellere Abläufe. Der Spaß daran macht all das aber einfach. Vor kurzem bin ich von einer Mutter, deren Tochter ich Nachhilfe gebe und die auch Leistungssport betreibt, gefragt worden, ob das in der Zukunft mit einem Medizinstudium zu vereinen wäre. Ich habe geantwortet: Total! Man muss sich organisieren und die Zeit, die man hat, effektiv nutzen. Das musste ich auch lernen, aber es ist in meinen Abläufen drin.

Du zählst zu den Spielerinnen, die in Sachen Einsatzzeit vom Trainerwechsel im Sommer profitiert haben. Glaubst du, dass du in deiner Entwicklung in dieser Saison noch einmal einen Sprung gemacht hast?
Haesler: Extrem, dabei hat vor allem die viele Spielzeit geholfen. Ich habe schon im Trainingslager im Sommer große Vorfreude auf die Saison entwickelt und mich fußballerisch wie auch im Mindset weiterentwickelt: Die Fähigkeit, sich aus weniger guten Phasen heraus zu kämpfen und weiterzumachen, war und ist für die persönliche Entwicklung wichtig. Die meisten Fortschritte würde ich aber auf die viele Spielzeit zurückführen, daraus kann man am meisten ziehen.

Aurelia Haesler im Interview.

Welchen Anteil haben Tobias Kurbjuweit und sein Trainerteam an diesem Sprung? Was zeichnet sie besonders aus?
Haesler: Wir haben generell eine gute Stimmung im Team. Besonders nice ist, dass sie jedem Spielzeit geben. Die Startelf ändert sich immer mal, und das ist gut so, so konnte jede Einzelne in der Mannschaft eine krasse Entwicklung hinlegen. Tobias schenkt jeder einzelnen Spielerin Vertrauen, begründet jede seiner Entscheidungen und ist offen für Rückfragen und Vorschläge, wenn Einzelne an bestimmten Dingen stärker arbeiten wollen.

Wo wir gerade davon sprechen: Wo würdest du deine besonderen Stärken sehen und in welchen Bereichen möchtest du diese Möglichkeiten durch das Trainerteam wahrnehmen und dich gerne verbessern?
Haesler: Meine Schnelligkeit und meine Fähigkeit, den Ball zu ergattern, haben sich zu Stärken entwickelt. An meinem linken Fuß muss ich noch arbeiten – und daran, mich in einzelnen Aktionen noch ein wenig mehr zu trauen. An meiner Physis möchte ich auch weiterarbeiten.

Abschließend: Wir sind dem Spiel am Wochenende während dieses Interviews wieder ein paar Minuten nähergekommen. Eine besondere Konstellation ist, dass ihr erst vor wenigen Wochen das Nachholspiel gegen die Erfurterinnen bestritten habt. Ein Vor- oder möglicherweise auch ein Nachteil?
Haesler: Aus meiner Sicht hilft uns das! Wir wissen jetzt, wie sie Fußball spielen und können noch einige Dinge anpassen, die im ersten Spiel vielleicht noch nicht ganz optimal gelaufen sind.

Was wird entscheidend sein, um dort den letzten Schritt zum ersten großen Ziel der Saison zu gehen?
Haesler: Dass wir alle präsent sind und Bock haben: Bock auf den Sieg und alles, was damit verbunden wäre! Gerade solche Partien sind oft schwieriger, wir müssen deshalb als Team alles reinwerfen und unsere Tore machen.

von Konstantin Keller