
„Strukturelle Schärfe ins Gesamtprofil bringen“
Gesprächsgipfel im blau-weißen Medienraum: Dort empfingen Dr. Peter Görlich und Benjamin Weber am Mittwochmittag die Medienschaffenden, die unsere Alte Dame auch in dieser Saison begleitet haben. Neben Snacks und Getränken lagen für das ausführliche Gespräch auch eine Vielzahl an Themen auf dem Tisch. Unser Geschäftsführer und unser Sportdirektor sprachen mit den Journalistinnen und Journalisten unter anderem über…
… Schlussfolgerungen und Konsequenzen aus der abgelaufenen Saison:
Dr. Görlich: Ein Auftreten wie ab der 46. Minute in Bielefeld ist in keiner Weise zu akzeptieren. Das haben wir der Mannschaft ruhig, aber in aller Deutlichkeit vor ihrem Urlaub mitgegeben. Es war eine Zusammenfassung dessen, was wir aus unseren Analysen heraus erkannt haben und wogegen wir ansteuern. Die Grundlage ist eine Einteilung unseres Spiels in ein Zwölf-Phasen-Modell. Dabei geht es um Chancenkreierung, Penetration, hoher, mittlerer und tiefer Block, Umschalten, Offensiv- und Defensivstandards oder allgemeines Passspiel. Wir sind jede Phase intensiv durchgegangen und haben sie mit Topteams, die in den vergangenen fünf Jahren dauerhafte Aufstiegsdynamik entwickelt haben, verglichen. Dann haben wir Benchmarks gesetzt und uns gegen diese laufen lassen – auch im Hinblick auf den Beitrag des Trainers, des Sportdirektors, des Staff und von mir.
… Erkenntnisse aus der Saisonanalyse:
Dr. Görlich: Bei Defensiv- und Offensivstandards gab es die größten Abweichungen. In gewissen Spielphasen hatten wir große Kontrolle und gute Ansätze, haben aber keine Dynamik erzeugt – aus verschiedensten Gründen auf den einzelnen Positionen. Defensiv waren wir in der ersten Verteidigung ordentlich, sind beim zweiten oder dritten Ball aber aus der Ordnung gekommen. Bei Begegnungen gegen nominell schwächere Gegner haben wir Defizite offenbart. Aus Gründen, die wir zu kennen glauben. Und genau deshalb geht es nicht um einen Neustart, sondern um eine Nachjustierung, um Priorisierung und Präzisierung. Das ist ein zentrales Thema. All diese Erkenntnisse übertragen wir bis ins Training in der Akademie und haben so noch einmal gemeinsam unsere Prinzipien geschärft. Der gesamte Staff war in diesen Prozess einbezogen, deshalb sprechen wir auch von struktureller Schärfe, schärfen einzelne Rollen. Auch vor der kommenden Saison ist ein kompletter Workshop geplant, wo wir die Dinge vorm Trainingsstart noch einmal präzisieren.
Weber: Als Ergänzung: Verfügbarkeit in Schlüsselpositionen. Wenn wir an Paul Seguin oder Dawid Kownacki denken, waren das auch auffällige Faktoren. Paul stand uns erst ab Oktober zur Verfügung, Dawid ist aufgrund von Verletzungen oder der Rotsperre leider nie konstant ein Faktor geworden. Vieles an der Saison verlief in Wellen: Wir hatten keinen guten Start, sind dann nach einer Systemumstellung in eine gute Phase gekommen. Was uns aber nicht gelungen ist, ist dauerhafte Konstanz. Auch die Spiele vor Weihnachten gegen Fürth und Bielefeld fallen in diese Bereiche, da wir hier Punkte liegen gelassen haben, als wir die Chance hatten, dichter an die Tabellenspitze heranzurücken. Hinzu kommt das Thema Disziplin auf dem Feld, wir haben durch rote Karten und hieraus resultierende Sperren immer wieder auf wichtige Spieler verzichten müssen. All das sind Faktoren, warum wir die ganze Saison hinterhergelaufen sind und in Schlüsselmomenten nicht zugepackt haben. Das ist ein Learning, was wir angehen müssen und werden. Wir müssen diese Rückschläge klar benennen und daraus Antriebe entwickeln. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir insbesondere durch die Verfügbarkeit auf Schlüsselpositionen – z.B. in der Viererkette oder im Zentrum – in dieser Saison nicht konstant die nötige Stabilität auf den Platz bekommen haben. Das ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. An diesen Schlüsselpositionen – und Schlüsselspielern können sich nämlich auch junge Spieler orientieren.
… die Entscheidung für personelle Kontinuität:
Dr. Görlich: Wir sind frühzeitig in eine grundlegende Analyse gegangen und haben am 25. Spieltag mit der Saisonanalyse begonnen, mit einer grundlegenden Bewertung der Runde. So konnten wir uns frühzeitig auf diese Kontinuität festlegen – wohlwissend, dass wir zukünftig ein belastbareres Leistungsprofil benötigen werden. Parallel dazu lief die Kaderplanung. Warum glauben wir, dass es zukünftig besser laufen wird? Weil wir strukturelle Schärfe ins Gesamtprofil hineinbringen werden. Das ist unser größter Hebel. Wir waren in dieser Runde nie weit weg von der Benchmark, sind aber eben auch nie darüber gekommen. Auch deshalb haben wir diese Entscheidung frühzeitig getroffen: Wir brauchen intern Planungssicherheit. Uns ist klar, dass es kritische Stimmen von außen gibt. Aber wir haben eine Klarheit geschaffen: An welchen Themen hat es gelegen? Ist unsere Struktur derzeit so, dass wir ambitionierte Ziele erfüllen können? Mit Symbolik erhält man vielleicht mehr Applaus, aber wir sind mit dieser Präzisierung sehr einverstanden. Was für Stefan Leitl als Trainer spricht: Stabilität, Struktur, Entwicklung, klare Abläufe, kollektive Verbesserung in gewissen Phasen – aber noch nicht über die gesamte Spieldauer. Trainer- und Spielerprofile sind jedoch nah zusammen, wenn man auf die Dinge schaut, in denen wir uns verbessern wollen.

… Kritik von und Austausch mit den Fans:
Dr. Görlich: Ich kann den Frust der Fans nachvollziehen, deshalb ist es auch legitim, Kritik zu äußern. Wichtig ist, dass die sich auf die Sache konzentriert – nicht auf einzelne Menschen. Es gibt Beispiele, die mit Kontinuität zum Erfolg gekommen sind. Dieser Verein trägt eine gewisse Frustrationstoleranz schon seit Jahrzehnten in sich. Wir glauben daran, dass wir eine sehr intensiv fußballspielende, gute Mannschaft auf den Platz bekommen werden, bei der die Menschen feststellen: Die haben ihre Hausaufgaben gemacht. Wir flüchten uns nicht in operative Hektik, sondern arbeiten hart die Ziele ab, die wir uns gesetzt haben. Was den Austausch angeht: Wir haben fest etablierte Formate mit den Fans, in denen wir über nichts hinweggehen und uns den Gesprächen stellen. Die werden wir weiterhin pflegen – denn wir wissen, dass wir von unseren Fans und der Öffentlichkeit leben. Wir diskutieren offen, aber nicht wild.
… den kommenden Transfersommer & die Kaderplanung:
Dr. Görlich: Unsere Planung ist finanziell nicht zwingend auf einen Aufstieg ausgelegt, wir sind für die zweite Liga durchfinanziert. Nichtsdestotrotz sind wir ein Konsolidierungsclub, haben einen Transfererlösdruck, dem wir nachkommen wollen und müssen. Kaderkosten und Ergebnis haben wir nicht in einem Verhältnis, mit dem wir zufrieden sind. Wir müssen diese Kosten aber nicht nur reduzieren, sondern wir wollen das auch. Auch das ist Teil der strukturellen Schärfung. Es wird ein intensives Transferfenster, aber das Heft des Handelns liegt in vielen Fällen bei uns – auch wenn klar ist, dass wir Qualität verlieren werden und es Schmerzgrenzen gibt.
Weber: Wir sind ein Ausbildungsverein und haben uns bereits vor dreieinhalb Jahren auf die Fahne geschrieben, junge Spieler miteinzubinden. In den vergangenen drei Spielzeiten haben wir das durch Spieler wie Jessic Ngankam, Ibrahim Maza oder Derry Scherhant untermauert und waren der Verein, der die meisten Eigengewächse auf den Platz gebracht hat. Es gehört dazu und wird unser Weg sein, Spieler auszubilden und sie dann idealerweise lange bei uns zu entwickeln – aber irgendwann kommt der Punkt, an dem sie den nächsten Schritt gehen. Es muss sich aber niemand Sorgen machen, denn wir haben aktuell 29 Spieler inklusive der Torhüter für die kommende Saison unter Vertrag. Wir wollen natürlich auch frisches Blut hinzufügen. Am Ende wird unser Kader kleiner sein, aber hoffentlich eine höhere Verfügbarkeit haben. Das ist unsere klare Maßgabe und Zielrichtung, um Abläufe zu automatisieren. Vor allem haben wir erkannt, dass uns Spieler im Alter von 23 bis 29 Jahren guttun würden. Denn wir haben genügend junge Spieler und brauchen verstärkt Leadership, nachdem wir jetzt aufgrund der auslaufenden Verträge einen Cut bei den älteren Spielern gemacht haben. Dass wir allerdings direkt zum Trainingsauftakt damit fertig sein werden, ist sehr unwahrscheinlich.

Dr. Görlich: Wir sprechen über Prime-Time-Spieler, die nicht nur über ihr Alter, sondern auch über ihre klare Rolle definiert werden. Das ist im Hochleistungssport ein ganz entscheidender Punkt. Das geht bis zum letzten Kaderplatz und zieht sich bis in den Staff. Deshalb suchen wir nicht nur nach Positionen, sondern nach Profilen. Und bei diesen Profilen geht es primär um fußballerische Eigenschaften, aber eben auch um die Rolle in einem Team. Wir haben Erfahrung von Bord gelassen, weil wir ein ganz klares Bild vor Augen haben. Alles geschieht unter Berücksichtigung einer stabilen Achse, die wir aufbauen wollen. Wir glauben, und das zeigt uns auch die Analyse, dass eine solche Achse ein zentraler Punkt ist, um erfolgreich zu sein.
... Anpassungen im Scoutingbereich:
Dr. Görlich: Im Scouting wird und muss sich vieles verändern. Da wollen wir inhaltsbezogener vorgehen und uns mehr mit Profilen als mit Positionen beschäftigen. Es geht nicht darum, dass wir mehr vom Gleichen kriegen, sondern etwas, das der Markt vielleicht noch nicht in der Art und Weise erkannt hat. Außerdem haben wir Basti Huber dazugeholt, der diese Themen im engen Austausch mit Benny Weber verantwortet. Scouting ist ein entscheidender Punkt – gerade für einen Club wie Hertha. Die erste Scoutingadresse ist aber unsere eigene Akademie.
... die Bedeutung der Akademie:
Dr. Görlich: Es ist eine bewusste Entscheidung und keine Symbolik, dass wir vier Kaderplätze für junge Spieler reservieren. Alles, was wir angehen, denken wir mit der Akademie. Die Akademie ist kein Feigenblatt des Berliner Weges, sondern zentraler Bestandteil dieses Vereins. Das müssen und wollen wir schärfen. Deswegen analysieren wir auch die Akademie sehr genau und schauen, an welcher Stelle können wir was tun. Aus diesem Grund investieren wir auch viele Ressourcen in die Trainerausbildung. Jeder Jugendspieler kann sich zeigen – in jedem Training und in jedem Spiel. Wir setzen voraus, dass die Spieler an der einen oder anderen Stelle außergewöhnlich performen. Und dann ist es keine Zwei-Augen-, sondern eine Mehr-Personen-Entscheidung, wer welche Stufen durchläuft. Wir sind diesbezüglich auch froh, dass wir Michael Hartmann als Übergangstrainer binden konnten.
... Veränderungen im medizinischen Bereich:
Dr. Görlich: Wir werden ab dem 1. Juli einen neuen medizinischen Leiter haben und damit auch bewusst einen Impuls von außen setzen, da sind die letzten Formalitäten gerade in Klärung. Wir werden außerdem im gesamten medizinischen Staff noch an der einen oder anderen Stelle nachjustieren. Wir sind Dr. Park zu großem Dank verpflichtet, weil er das über die Maße hinaus mit einem hohen Engagement gemacht hat. Er schlägt in seiner privaten Entwicklung nun aber einen anderen Weg ein.
... Ziele:
Dr. Görlich: Bei allen Gegebenheiten, die wir hier zu berücksichtigen haben, werden wir unsere Ambitionen nie hintenanstellen. Das ist auch ein Kriterium des Berliner Weges. Wir müssen unsere Ziele nur realistisch formulieren. Einen Aufstieg ruft man nicht aus, sondern erarbeitet man sich. Es funktioniert nicht über Anspruch und Größe. Zur Grundlage von Erfolg gehört auch, dass wir uns unsere Infrastruktur anschauen, gewisse Dinge optimieren und dort auf ein anderes Niveau kommen. Wir gehen unseren Weg ganz strukturiert und Schritt für Schritt. Dabei haben wir klare Ideen und Phasen ausformuliert, was wir zu welchem Zeitpunkt benötigen, um auch in der Zukunft wettbewerbsfähig zu sein.