
Comebacker
Es lief die 55. Minute des Heimspiels unserer Herthaner gegen den FC Schalke 04 am 17. Januar, als Jeremy Dudziaks langer Weg zurück abgeschlossen war. Zurück in den Wettkampf im Profifußball, zurück auf den Rasen des Berliner Olympiastadions. 526 Tage lagen zwischen dieser Partie und seiner bis dato letzten Zweitligapartie mit der Alten Dame, dem 1:1 beim Hamburger SV am 2. Spieltag der Saison 2024/25. „Das ist schon eine krasse Zahl, es zeigt, wie schwierig der Weg für mich war. Ich musste viele Rückschläge hinnehmen: Man wusste zunächst nicht, was genau das Problem ist, dann kam die Operation, anschließend der Kampf, mich wieder zu zeigen“, blickt unsere Nummer 28 im Gespräch mit Redakteur Konstantin Keller zurück. „Ohne meine Frau, die mich immer wieder unterstützt und gepusht hat, hätte ich das vielleicht gar nicht geschafft. Gerade wenn du so lange nicht spielst, nicht in Abläufe kommst und durch die fehlenden Spiele auch kein Vertrauen in dich selbst hast – dann entwickelt sich eine gewisse Distanz zu dem, was du kannst. Sie hat mich immer wieder daran erinnert, was ich draufhabe!“

„Für wen mache ich das eigentlich?“
Bis Dudziak das wieder unter Beweis stellen konnte, war er nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental gefordert. „Nach der OP gab es eine Zeit, in der ich gar nichts mit Fußball zu tun haben wollte. Die vielen Rückschläge, immer wieder aufstehen – irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem du dich fragst: Für wen mache ich das eigentlich?“, erzählt der 30-Jährige. „Meine Frau hat mich daran erinnert, dass ich es für mich mache, nicht für eine Projektion, die andere von mir haben. Da ist etwas in mir umgesprungen, das war ein Schlüssel.“ Mit diesem Bewusstsein kam auch die Ausdauer für den Kampf um die Rückkehr zurück – ein Kampf, der nicht immer gleichmäßig verläuft. „Bei so einer langen Zeit gibt es Wellen: Phasenweise bist du komplett fokussiert. Dann merkst du, dass nichts passiert, und stellst dir irgendwelche Fragen. Es geht darum, den Kopf wieder und wieder in die richtige Richtung zu lenken und sich selbst zu pushen“, berichtet der Linksfuß. „Was die Zeit mir gezeigt hat, ist, wie viel in mir steckt. Egal was passiert, egal welche Hindernisse vor mir liegen. Ich kann sie überwinden!“
Aufgegangener Plan: Über Wolfsburg & die U23 zurück ins Profiteam
Nach dem zwischenzeitlichen Auslaufen seines Vertrages im Sommer 2025 wurde der gebürtige Hamburger ab Oktober wieder fester Bestandteil der Elf von der Spree. 90 Minuten beim Test gegen den Bundesligisten aus Wolfsburg bildeten den offiziellen Startschuss. Dudziak sollte sich über wichtige Spiele in der U23 wieder empfehlen. Eine Idee, die voll und ganz aufging. Mehrfach arbeitete er sich danach in den Spieltagskader der Profis. Gleichzeitig bestritt bestritt der ehemalige Nationalspieler Tunesiens bis zum Jahresende vier Partien für das Team von Coach Rejhan Hasanović und ging dabei mit Rat und Tat voran. „Die Jungs haben mich gut aufgenommen. Ich habe auch gerne den einen oder anderen Ratschlag gegeben, wenn sie mich gefragt haben, aber sie haben mich nicht behandelt, als käme ich von oben runter und würde mal ein bisschen mitkicken. Das hat mir sehr geholfen“, reflektiert Jeremy diese Zeit. Er selbst half mit einem Tor und zwei Assists, die zu wichtigen Siegen gegen Chemnitz und Meuselwitz beitrugen. Augenblicke, auf die die 28 lange gewartet hatte. „Das waren definitiv die schönsten Momente. Aber nicht einmal die auf dem Platz, eher die danach. Wenn du so lange alleine trainierst und dann mal wieder ein Spiel mit einer Mannschaft gewinnst, die Energie in der Kabine spürst – das hat mir eine riesige Euphorie gegeben!“

Und die sollte sich noch steigern. Nach fast anderthalb Jahren gab Jeremy Dudziak im eingangs beschriebenen Schalke-Spiel endlich sein Comeback. „Ich habe gar nicht damit gerechnet, reinzukommen. Aber mein Blick ging über die Bank und mir ist klargeworden, dass wir in diesem Moment gar nicht mehr so viele Optionen hatten. Dann rief Henrik Kuchno meinen Namen, und plötzlich passierte alles in einem Moment – es war keine Zeit mehr, groß nachzudenken“, schmunzelt er. Die hatte Dudziak auch in der folgenden Woche nicht, als ihm in Karlsruhe der Treffer zum 2:2-Ausgleich gelang. „In dem Moment fühlte es sich toll an, danach musste ich aber schnell umswitchen, das Spiel ging ja weiter und wir wollten gewinnen. Nach der Partie war es ein sehr gutes Gefühl – so viele positive Nachrichten zu bekommen, die Euphorie vom Tor nach Hause mitzunehmen, wo meine Frau sich unglaublich für mich gefreut hat, nachdem wir so eine schwere Zeit zusammen überstanden hatten“, erinnert sich der ehemalige deutsche U-Nationalspieler.

Wertschätzung & wichtige Schritte
Gegen Elversberg gelang ihm ein weiterer Assist, Stefan Leitl honoriert die harte Arbeit des Mannes, mit dem er schon bei der SpVgg Greuther Fürth zusammengearbeitet hatte, mit regelmäßiger Spielzeit. Die Wertschätzung für unseren Trainer ist bei Dudziak groß. „Er ist sich treu geblieben, stellt sich immer vor seine Mannschaft. Und, was bei ihm krass ist: Es geht immer nur um das gemeinsame Ziel. Diese Einstellung ist und bleibt im Profifußball essenziell.“ Auch und gerade dann, wenn man gemeinsam Rückschläge wegstecken muss. Wie erlebt Dudziak die Stimmung auf dem Trainingsplatz? „Wir arbeiten sehr fokussiert und, auch durch die letzten Ergebnisse, mit viel Emotionen. Jeder will spielen, jeder will dabei mithelfen dürfen, das Spiel am Wochenende zu gewinnen. Das ist sehr wichtig – und es trägt auch zu einer guten Energie im Team bei“, erklärt er. Was er sich selbst nach seinem langen Weg zurück für die kommenden Monate vorgenommen hat, ist klar: „Wenn ich den Platz betrete, möchte ich gute Energie reinbringen, die Jungs mitziehen, so viele Scorerpunkte wie möglich sammeln und dadurch möglichst viele Spiele gewinnen. Ich denke von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Es geht immer nur um das nächste Spiel und darum, es zu gewinnen!“ Der nächste Schritt stets als wichtigster – wer wüsste das besser als unser Comebacker.